Zwischen Bauchkribbeln und Muffensausen
Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit (Psalm 121,8)
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ (Hermann Hesse, 1941)
Kennst du das auch, diesen Zauber des Anfangs? Dieses besondere Gefühl, irgendwo zwischen Bauchkribbeln und Muffensausen, eine Mischung aus Neugier und Hoffnung, Wehmut und Angst, Anspannung und Zuversicht? Viele erleben es möglicherweise gerade in diesen Tagen, wenn die Sommerferien zu Ende gehen und ein neues Schuljahr beginnt. Da liegen die noch unbenutzten Hefte vor dir, verbunden mit den guten Vorsätzen, dieses Jahr alles neu und vielleicht auch besser zu machen. Du blickst zurück auf einen langen und schönen Sommer, der endlos hätte weitergehen können. Du freust dich auf neue Herausforderungen, neue Freundschaften, neue Abenteuer. Doch nicht selten mischen sich unter die Vorfreude auch Gefühle der Angst und Überforderung: zu viel Neues, zu hohe Anforderungen, wie finde ich mich zurecht, wie soll ich das alles schaffen…?!
Gerade an den Anfängen und Enden unseres Lebens, das spüren wir, benötigen wir einen besonderen Schutz. Geburt und Tod bilden den großen Rahmen, doch dazwischen gibt es noch ganz viele weitere, weniger einschneidende Ausgänge und Eingänge: Jeden Tag, wenn ich morgens aufstehe und mich abends schlafen lege, jedes Jahr, wenn ich Geburtstag oder Silvester feiere. Lebensabschnitte beginnen und enden: Auf das Ende der Kita-Zeit folgt die Einschulung, der Übergang in die weiterführende Schule, der Abschluss, der Start der Ausbildung oder der Einstieg ins Studium, die erste Arbeitsstelle, die Elternzeit, die Beförderung, der neue Job, der Ruhestand. Ausgänge und Eingänge, Anfänge und Enden gehören zum Leben dazu.
In Psalm 121 bringt der Psalmbeter seine Sehnsucht nach Schutz und Beistand zum Ausdruck: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ (Psalm 121,1) Genau dieses Gefühl kennen wir doch auch: Nicht selten türmt sich das Neue und Unbekannte vor uns auf wie ein Berg und wir sehen noch gar nicht, wie wir es bewältigen sollen. Wir müssen raus aus der Komfortzone, Liebgewonnenes und Gewohntes hinter uns lassen. Oft genug bin ich damit überfordert, scheue den Aufstieg, würde mich lieber weiter in den gewohnten Gefilden aufhalten. An den Schwellen und Übergängen des Lebens, wo es in ungewisse Höhen hinaufgeht, suche ich nach jemandem, der mich an die Hand nimmt und mir Sicherheit gibt.
Der Psalm gehört zu den sogenannten „Stufenliedern“ für die Pilgerreise, zu singen, wenn man die Treppe des Tempels von Jerusalem hinaufstieg. Ich stelle mir vor, wie jemand beim Erklimmen des Tempelberges mit den Worten des Psalms zugleich die Stufen seines eigenen Lebens bedenkt, sich klarmacht, an welchen Schwellen und Übergängen er sich selbst gerade befindet, welche Stufen er schon überwunden hat und welche Berge möglicherweise noch vor ihm liegen.
Das Leben als Abfolge von Stufen, von Aus- und Eingängen, Abschied und Neubeginn beschreibt auch Hermann Hesse in dem eingangs bereits zitierten Gedicht, das bezeichnenderweise ebenfalls den Titel „Stufen“ trägt:
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
[…]
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Hesse, der sich nach einer streng christlichen Erziehung der fernöstlichen Spiritualität zuwandte und individuelle, die Religionen verbindende Formen des Glaubens suchte, beschreibt eine unendliche Progression von einer Stufe des Lebens zur anderen und damit verbunden eine Lebenshaltung, die die Notwendigkeit des Abschieds immer mit bedenkt.
Erfahrungen von Abschied und Neubeginn fordern uns heraus, denn der Mensch ist einfach ein „Gewohnheitstier“. Wir tendieren dazu, zu resignieren angesichts der Berge in unserem Leben, wir brauchen jemanden, der uns beisteht. Der Sprecher von Psalm 121 findet für sich selbst eine klare Antwort auf dieses Bedürfnis: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Psalm 121, 2)
Gott kann helfen, wenn es darum geht, Neuanfänge zu bewältigen, denn Gott ist ja selbst ein Meister des Neuanfangs: Er ist derjenige, der aus dem Nichts eine ganze Welt geschaffen hat, den Rhythmus von Tag und Nacht, sämtliche Wunder der Natur mit ihren Zyklen aus Werden und Vergehen und uns Menschen mit unseren persönlichen Erfahrungen von Anfang und Ende mittendrin. Wer sonst sollte uns angesichts der Herausforderungen, die Abschied und Neubeginn für uns darstellen, helfen können als dieser große, schöpferische Gott, der selbst über allen Anfängen und Enden steht, der niemals schläft und niemals stirbt? Von wem sonst könnten wir Hilfe erwarten?
„Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit“ (Psalm 121,8) - So schließt der Psalmbeter sein Gebet. Ich finde den Gedanken tröstlich, dass Gott behütend seine Hand über alle meine Anfänge und Enden hält, über die kleinen und leichten ebenso wie über die großen und schweren. Am Ende ist der Tod nur einer dieser Übergänge, die wir in unserem Leben zu bewältigen haben und vor denen wir mit einem mulmigen Gefühl stehen, weil sich das Unbekannte dahinter auftürmt.
Hermann Hesse fasst den Gedanken, dass auch der Tod nur der Anfang von etwas Neuem ist, so:
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Ausgang und Eingang, von nun an bis in Ewigkeit, der ewige Ruf des Lebens – Hesse und der Psalmbeter liegen hier gedanklich eng beieinander. Die Stärke des Psalms ist seine Zuversicht auf das, was bleibt: Bei allem Kommen und Gehen, Werden und Vergehen, bleibt Gott immer an meiner Seite. Er selbst ist der Anfang und das Ende, Alpha und Omega, und er allein weiß, wie das große Ganze aussieht, die unzerstückelte Vollkommenheit seines Reiches jenseits aller Anfänge und Enden.
Gott selbst ist unendlich, doch er hat in seinem Sohn die Endlichkeit erlebt. Und deshalb kennt er all die Sorgen und Nöte, die mit den Aus- und Eingängen unseres Lebens verbunden sind, er hat sie am eigenen Leib erfahren. Er weiß, wie du dich fühlst, wenn das Neue und Unbekannte wie ein Berg vor dir steht. Und er kennt auch das Gefühl, lieber beim Altbewährten bleiben zu wollen. Er hatte das auch. Auch Jesus betet im Garten Gethsemane, der Kelch solle doch, wenn möglich, lieber an ihm vorbeigehen. Und auch Jesus verzweifelt am Ausgang seines irdischen Lebens an der Angst, von Gott verlassen zu sein. Gott hält seine Hand über unsere Ein- und Ausgänge, und das kann er besonders glaubhaft tun, eben weil er sie alle selbst durchlebt hat.
Glücklicherweise hat Gott unendliche Geduld mit uns. Wie oft zögern wir und zaudern, haben Angst, Neues zu beginnen, fürchten uns, auf liebgewonnene Dinge verzichten zu müssen, Wichtiges zu verlieren. Wie oft vertrauen wir nicht darauf, dass Gott es gut mit uns meint und uns auf den richtigen Weg führen wird, wie oft stellen wir sein Mit-Sein in Frage, indem wir grübeln und uns grämen, gerade an den Aus- und Eingängen. Doch Gott bleibt mit seiner unnachahmlichen Beharrlichkeit, Nachsicht und Geduld. Und er bietet sich immer wieder an als Begleiter. Wir können uns immer wieder entscheiden, ihn dazuzuholen, ihn mitzunehmen auf den Stufen unseres Lebens.
Und Gott schenkt uns ganz konkret Menschen, die mit uns gehen, die uns Mut machen und uns spüren lassen, dass es bei allen Abschieden und Neuanfängen etwas gibt, das bestehen bleibt und das uns trägt. Gottes Liebe bleibt und sie ist die Basis, auf der wir alles Neue schaffen können, das neue Schuljahr ebenso wie den Neustart im Beruf, die Rückkehr aus dem Urlaub, die Geburt eines Kindes, den Umzug ins Pflegeheim und schließlich auch den Tod. Gott hilft, denn Gott bleibt, an allen Aus- und Eingängen, solange ich denken kann und darüber hinaus. Darauf kann ich vertrauen.
Amen.