sammlung

You're not alone …

Liedandacht zu U2s Alben Days of Ash und Easter Lily

You're not alone …

Es gibt Lieder, die kann man nicht nebenbei hören. Sie verlangen Aufmerksamkeit, Zeit und ein offenes Herz. Lieder die Geschichten erzählen und solche, die die aktuelle Zeitgeschichte reflektieren.

Für mich sind seit meiner Jugend die Lieder der irischen Band U2 solche Lieder. In den 1980er Jahren entstanden ihre Songs vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts. „Sunday Bloody Sunday" aus ihrem Album "War" erzählte vom blutigen Sonntag in Belfast, an dem britische Truppen unbewaffnete Demonstranten und andere Personen erschossen. Leid und Gewalt wird durch die harten Gitarrenklänge hörbar. Von Anfang an griffen U2 dabei bewusst auf biblische Motive und Sprachanklänge zurück. „Where the Streets Have No Name" drückte 1987 die Sehnsucht nach einem Ort aus, an dem Herkunft nicht mehr über den Wert eines Menschen entscheidet. Ein Ort wie das himmlische Jerusalem, von dem die Offenbarung erzählt. Der Glaube von Leadsänger Bono, Gitarrist The Edge, Bassisten Adam Clayton und Schlagzeuger Larry Mullen jr. klingt dabei selten eindeutig oder fromm glatt, sondern suchend, ringend, manchmal widersprüchlich – und gerade darin ehrlich.

In diesem Frühjahr, im Vorfeld eines neuen Studienalbums, das im Herbst 2026 erscheinen soll, haben U2 überraschend in zwei Veröffentlichungen neue Songs herausgebracht. Sänger Bono sagt, es seien Lieder, die nicht warten könnten. Im Februar, programmatisch am Aschermittwoch zu Beginn der Passionszeit, erschien zunächst „Days of Ash". Es sind politisch und spirituelle Lieder voller Asche, Klage und Protest.
„American Obituary" (Amerikanischer Nachruf) handelt von staatlicher Gewalt und Entmenschlichung. Der Song wurde inspiriert vom Tod von Renée Nicole Macklin Good durch einen ICE-Beamten und setzt ihr durch Nennung ihres Namens und dem Erzählen ihrer Geschichte ein musikalisches Denkmal. Er steht stellvertretend für eine unglaubliche Missachtung des Lebens durch Staatsgewalten. Zugleich ist das Lied ein modernes Klagelied, das direkt Gott anspricht. Bono nannte es ein ‚Lied der Wut … aber mehr noch ein Lied der Trauer'. Diese Trauer verwandeln die Musiker im Refrain jedoch zu einem entschlossenen Protest gegen Hass und Gewalt: I love you more – Than hate loves war.
Für U2 scheint es ein Thema zu sein, das sie durch ihr Leben und Wirken begleitet: Während die Menschen in Belfast 40 Jahre nach dem Bloody Sunday Gott sei Dank wieder in Frieden leben, sterben in Kiew, Minneapolis, Teheran oder in den Städten und Dörfern in Israel und Palästina weiterhin Zivilisten. Die sechs Lieder erzählen unter anderen die Geschichten von Renée Good, Sarina Esmailzadeh und Odeh Hadalin.

U2 veröffentlichen dieses und weitere neue Lieder nach fast einem Jahrzehnt ohne neue Songs. Die Band spricht selbst von „Wilderness Years", von Wüstenjahren. Das ist ein zutiefst biblischer Begriff. Es gibt Zeiten im Leben, in denen der Glaube nicht triumphiert, sondern durchhält. Sie stehen damit in einer langen Tradition: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" heißt es in Psalm 22. Jesus wird ihn am Kreuz beten. Manchmal besteht Glaube nicht in schnellen Antworten, sondern im Aushalten. Nicht im Lautsein, sondern im Leisebleiben, während alles andere schreit.

Nur sechs Wochen später, zum Osterfest, folgte „Easter Lily" – Osterlilie: In den Liedern blüht leise Hoffnung auf. Es sind keine Hochglanz Hits, keine Nostalgie, sondern Musik in einer Zeit, in der vieles erschöpft, verunsichert und brüchig ist. Lieder über Freundschaft, Verlust, Glauben und Hoffnung. Ein Satz aus dem Lied „Song for Hal" lautet: „You're not alone, if your voice is unheard." – Du bist nicht allein, auch wenn deine Stimme ungehört bleibt. Dieser Song erinnert an einen verstorbenen Freund der Band, Hal Wilner. Verlust, Verwundbarkeit, Dankbarkeit – all das klingt mit. Kein „Jetzt ist er bei Gott"-Satz. Kein schneller Trost, kein „Jetzt ist alles gut". Stattdessen Erinnerung, Dankbarkeit und die Ahnung, dass eine Beziehung nicht einfach verschwindet, sondern sich verwandelt. Hier ist es nach der Klage im Stil des 22. Psalms der folgende Psalm 23, der Psalm vom guten Hirten, der selbst im finsteren Tal bei seinen Schafen ist, der den Ton angibt.

Trauer wandelt sich in Hoffnung. Was für ein Zuspruch in einer Welt voller Kriege und Krisen – und zugleich vor dem Hintergrund persönlicher Geschichten von Krankheit und Verlust. Auch bei einem Mitglied der Band selbst: Schlagzeuger Larry Mullen spielte erstmals seit Jahren wieder mit der Band, nach schwerer gesundheitlicher Zeit. Sänger Bono beschreibt dieses Erleben als „intensiven Moment der Wiederbegegnung": „Es war elektrisierend, wieder zu viert im Studio zu stehen."

Dass die in ihren jungen Jahren christlich geprägten Musiker von U2 „Days of Ash" und „Easter Lily" gemeinsam veröffentlichen, ist kein Zufall: Asche und Ostern gehören zusammen. Klage wird nicht übersprungen, Hoffnung nicht erzwungen. Ostern macht Karfreitag nicht ungeschehen. Auferstehung löscht die Wunden nicht aus. Der auferstandene Jesus steht nicht ohne Narben da – er zeigt seine Hände und seine Seite. Neues Leben heißt nicht: Alles war umsonst. Sondern: Alles wird gehalten.

Immer wieder kehrt in den Liedern die Zusage zurück: You're not alone. Nicht: Du hast alles im Griff. Nicht: Du musst nur stärker glauben. Nicht: Du wirst nicht fallen. Sondern: Du fällst nicht allein. Du zweifelst nicht allein. Du hoffst nicht allein. Jesus sagt nicht: Ich erspare euch das Leid. Er sagt: Ich bin bei euch alle Tage. Auch an den Aschetagen. Auch in den Wüstenjahren. Auch in allen Tränentälern. Gerade dort, denn gerade die Tränen über Tod und Unrecht sind heilig, wie sie im Lied „Tears of Things" singen.

„Wir schreiben keine Songs, die davor zurückschrecken, eine Welt in ihrem Trauma, ihrer Wut und ihrem Schmerz zu bezeugen – und in diesen spirituelleren Songs bezeugen wir die Quelle der Kraft, die wir gefunden haben, um durch diese Welt zu gehen."

Und so ist es folgerichtig, dass selbst beim scheinbar österlichen Worshiplied „I will bless the Lord at all times", das Psalm 34,1 aufnimmt, weiter Geschichten des Krieges, der Gewalt an Kindern und ziviler Opfer zur Seite gestellt werden. So wie es in vielen Psalmen die Psalmbeter bereits praktiziert haben. Wäre die Zusammenstellung der biblischen Schriften nicht abgeschlossen, so würde der Psalter wohl nun um weitere Psalmen ergänzt werden.

„Die Frage ist wohl: Warum diese Songs der Transzendenz gerade jetzt?", fragt Edge. „Unser Gefühl ist, dass unser Publikum genauso hungrig ist wie wir nach etwas, woran man sich festhalten kann in diesen schwierigen Zeiten."

Und vielleicht ist das auch unsere Aufgabe als Kirche und als Menschen, die andere Menschen begleiten: nicht der Ort zu sein, an dem Schmerz überspielt und Zweifel weggelächelt wird.

Wo Klage gehört wird. Wo Trauer Platz hat. Wo niemand seine Wunden verstecken muss, um dazuzugehören. Das ist keine Schwäche – das ist Gemeinschaft. Und das ist Evangelium.
Denn die Botschaft lautet nicht: Hier ist alles in Ordnung. Sie lautet: You're not alone. Hier bist du nicht allein.

Amen
Christian Uhlstein, Landesjugendpfarrer der Ev. Kirche von Westfalen
Quelle: Zitate entnommen aus den Artikeln zu den EPs von der Website rollingstone.de
Bibelstellen zur Andacht:
Psalter 34,1 - 1

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