Willst du…?
Lass dich von Jesus in Bewegung setzen
„Keine Arme, keine Schokolade.“ Das ist ein Zitat aus dem Film „Ziemlich beste Freunde“, in dem es in Anlehnung an eine wahre Geschichte um die besondere Freundschaft zwischen dem querschnittsgelähmten Unternehmer Philippe und seinem Pfleger Driss geht. Driss gelingt es mit seiner unkonventionellen Art, Philippe die Freude am Leben zurückzugeben, indem er ihn nicht bemitleidet, sondern ihn herausfordert und die Konventionen, in denen er bisher gefangen war, bricht. In der oben zitierten Szene schlägt er ihm mit dem Satz „Keine Arme, keine Schokolade“ die Bitte nach etwas Süßem aus – ein sehr spezieller Humor, jenseits von jeder „politischen Korrektheit“, aber genau das, was Philippe in diesem Moment braucht.
An diese Szene musste ich denken, als ich die Geschichte von der Heilung eines Gelähmten am Teich Betesda las (Joh 5, 1-9). Bei diesem Teich handelt es sich um ein großes Regenauffangbecken nahe Jerusalem. Drumherum gab es Säulenhallen, in denen sich zahlreiche Kranke aufhielten. Grund dafür war ein Volksglaube, der besagte: Der Erste, der in das Wasser steigt, unmittelbar nachdem es sich auf wundersame Weise bewegt hat, wird von seiner Krankheit geheilt. Es gab wohl eine Quelle am Grund des Beckens, aus der in unregelmäßigen Abständen schwallartig Wasser in den Teich strömte, was die Bewegung verursachte. Doch die Menschen glaubten an einen Engel des Herrn, der für diese Bewegung verantwortlich war, und an die heilende Kraft des Wassers.
Dumm nur, wenn man keine funktionierenden Beine hat, um zu gegebener Zeit in den Teich zu steigen und von der besonderen Wirkung des Wassers zu profitieren. Keine Beine, keine Heilung, könnte man in Anlehnung an das Filmzitat sagen. So geht es einem Gelähmten, der sich dort aufhält. Seit 38 Jahren wartet er auf Heilung, doch er hat niemanden, der ihn in das Wasser trägt, wenn es sich bewegt – ein ziemlich aussichtsloses Unternehmen…
Jesus begegnet diesem Mann und stellt ihm eine einzige Frage: „Willst du gesund werden?“ Auf sein „Ja, aber…“ antwortet er nur: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin“, und der Gelähmte kann wieder gehen.
Mir gibt diese Geschichte zu denken: Da wartet einer 38 Jahre lang auf Heilung, obwohl ihm völlig klar sein muss, dass er sie auf dem erhofften Weg nicht erlangen wird. Und Jesus heilt ihn mit einer einzigen Frage: „Willst du gesund werden?“ Es ist diese Frage, die den Mann in Bewegung setzt, in jeder Hinsicht. Äußerlich schenkt sie ihm die Fähigkeit zu gehen. Aber ich glaube, dass seine innere Bewegung noch viel entscheidender ist. „Willst du gesund werden?“ ist auf den ersten Blick eine banale Frage: Klar will er das. Aber angesichts der 38 Jahre, die der Mann damit verbracht hat, in der aussichtslosen Situation am Teich zu verharren, ist diese Frage vielleicht genau das, was er gebraucht hat. Man könnte sie auch so formulieren: Willst du dich „ausruhen“ in Selbstmitleid und mit der Klage begnügen, dass keiner dich ins Wasser trägt, oder willst du, dass sich etwas verändert?
Ich habe vor Kurzem einen Vortrag von Samuel Koch gehört, in dem er erklärte, wie er nach seinem Unfall bei „Wetten dass…?!“ und der dadurch verursachten Querschnittslähmung wieder zurück ins Leben fand. Er machte deutlich, dass es nach einer Phase des Schocks und der Erstarrung die Besinnung auf Gott und dessen guten Plan war, die ihn befähigte, einen Sinn in seinem Leben zu sehen und etwas aus seiner Situation zu machen. Heute ist er erfolgreicher Schauspieler und Autor.
Ich überlege, wo ich mich selbst in Erstarrung befinde, wo ich meine, an einer Situation nichts ändern zu können, weil ich mich mit festgefahrenen Erklärungsmustern zufriedengebe, obwohl ich eigentlich unglücklich bin. Wo verbaue ich mir selbst den Weg zur Veränderung, weil ich mir mit der Feststellung „Kann man nichts machen“ die Sicht auf mögliche Auswege versperre?
Die Geschichte von der Heilung des Gelähmten und die Frage Jesu kann uns ermutigen, nicht in der Erstarrung zu verharren, sondern uns durch Gottes Zusage bewegen zu lassen. Sie kann uns ermutigen zum Glauben daran, dass Gott etwas vorhat mit uns, dass er einen Plan hat, in dem wir eine wichtige Rolle spielen, und dass wir etwas bewegen können, weil wir Gott an unserer Seite haben. Der erste und wichtigste Schritt ist eine ehrliche Antwort auf die simple Frage: „Willst du…?“. Die Heilungsgeschichte zeigt: Wenn wir diese Frage bejahen aus dem Glauben heraus, dass wir Gott an unserer Seite haben, dann wird sich etwas bewegen in unserem Leben. Das heißt nicht, dass wir als Querschnittsgelähmte auf einmal aus dem Rollstuhl aufstehen - so viel Realismus muss sein. Aber es heißt, dass wir neue Perspektiven auf unser Leben entdecken, weil wir uns wertvoll und geliebt wissen. Der Glaube kann uns in Bewegung setzen, wir müssen nur wollen.
Amen.