sammlung

Wer kann dich halten, Gott?

Der unfassbare Gott bei Jeremia und Rilke

Wie schön ist die Vorstellung von einem Gott, der uns immer und überall ganz nah ist, einem „Kuschel-Gott“, den wir Vater nennen dürfen, ständig zu unserer Verfügung, so wie wir ihn gerade brauchen. Wäre es nicht großartig, so auf Du und Du mit Gott zu sein, ihn jederzeit und zweifelsfrei auf unserer Seite zu wissen, seine Worte und seine Pläne voll zu verstehen? Würden wir nicht durchs Leben fliegen, wenn das so wäre?

Aber tatsächlich machen wir wohl deutlich häufiger die gegenteilige Erfahrung, nämlich dass wir eben nicht wissen, was Gott eigentlich vorhat, seinen Willen und seine Pläne nicht begreifen können. Auch dass wir Gottes Nähe wirklich ganz konkret spüren oder er sich sogar direkt an uns wendet, ist wohl für die meisten mindestens eine sehr seltene Erfahrung.

Der Prophet Jeremia ist einer, dem dieses Glück zuteil wurde, der in Gottes Namen und über ihn reden kann, weil Gott sich ihm offenbart hat. Aber Jeremia spricht auch die Wahrheit aus, die wir selbst immer wieder erleben, nämlich dass diese Nähe zu Gott eben keine Selbstverständlichkeit, sondern eine besondere Gnade ist, die wir nicht so einfach für uns in Anspruch nehmen können. Jeremia richtet sich damit gegen die selbsternannten Propheten seiner Zeit, die sich ihre Prophetien nach ihren eigenen Bedürfnissen zurechtbiegen. Und so verkündet er Gottes eigene Absage an das „Kuschel-Modell“:

Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? (Jeremia 23,23)

Dies bedeutet mit anderen Worten: Ich bin euch zwar nahe, aber nicht in dem Sinne, dass ihr beliebig über mich verfügen könnt. Gott ist eben auch ein Gott, der sich unserem Zugriff entzieht, der uns fern sein kann, unverständlich, ungreifbar. Wir können uns Gott nicht zu eigen machen, können nicht über ihn verfügen, wie es uns gerade passt. Und diese Unverfügbarkeit Gottes betrifft nicht zuletzt auch den Bereich der Sprache.

Was wir mit Worten beschreiben können, das machen wir uns zu eigen, meinen es zu beherrschen. Aber wir verändern es dabei auch, reduzieren es, passen es an unsere Denkmuster an. Rainer Maria Rilke hat sich mit diesen Überlegungen 1899 in einem Gedicht auseinandergesetzt:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

(Rilke 1899)

In Rilkes Worten kommt eine Skepsis gegenüber der Sprache zum Ausdruck: Was wir in Worte fassen, verliert ein Stück weit seinen Zauber. Und wenn dies schon für „normale“ Dinge in unserem Leben gilt, wie sehr muss es dann auf unsere Versuche, Gott selbst in Sprache zu fassen, zutreffen. So betont Rilke zwei Jahre später in einem anderen Gedicht die Unfassbarkeit Gottes gegenüber menschlichen Zugriffsversuchen:

Du muss nicht bangen, Gott. Sie sagen: mein
Zu allen Dingen, die geduldig sind.
Sie sind wie Wind, der an die Zweige streift
Und sagt: mein Baum.
Sie merken kaum,
wie alles glüht, was ihre Hand ergreift,-
so dass sie’s auch an seinem letzten Saum
nicht halten können ohne zu verbrennen.
[…]
Falle nicht, Gott, aus deinem Gleichgewicht.
Auch der dich liebt und der dein Angesicht
Erkennt im Dunkel, wenn er wie ein Licht
In deinem Atem schwankt, - besitzt dich nicht.
[…]
Wer kann dich halten, Gott? Denn du bist dein,
von keines Eigentümers Hand gestört,
so wie der noch nicht ausgereifte Wein,
der immer süßer wird, sich selbst gehört.

(Rilke 1901)

Wir können uns Gott nicht zu eigen machen, er gehört uns nicht – Diese Botschaft verbindet Jeremia und Rilke. Sowohl die bei Jeremia benannten Möchtegern-Propheten als auch wir selbst in unserem Leben müssen immer wieder die Erfahrung machen, dass Gott sich unserem Zugriff entzieht. Etwas von seiner Wahrheit erkennen zu dürfen, ist sein Geschenk an uns, das wir dankbar annehmen, aber nicht selbst für uns reklamieren können.

Oft genug stehen wir einfach staunend vor Gottes Werk und müssen uns eingestehen, dass wir es nicht begreifen. Das kann uns manchmal zu schaffen machen, wenn Gottes Pläne unseren eigenen Wünschen zuwider zu laufen scheinen. Im Ganzen ist die Erfahrung, dass Gott auch ein ferner, unfassbarer Gott ist, aber auch etwas Schönes. Denn Gott bleibt dadurch wunder-bar im doppelten Sinn. Man kann sich über ihn wundern, und ihn als Wunder erleben. Wir verstehen Gott nie ganz, er behält immer ein Geheimnis. Was wäre auch Gott für ein Gott, wenn wir ihn voll und ganz durchschauen könnten, wenn wir seine Pläne mit unserer Vernunft durchdringen, ihn mit unserer Sprache entzaubern könnten? Er hätte uns doch irgendwann nichts mehr zu sagen, würde bedeutungslos. Aber so bleibt Gott eben wunder-bar, in jeder Hinsicht.

Vielleicht ist es wie in einer guten Ehe: Wenn man lange mit jemandem zusammen ist, kommt man irgendwann an den Punkt, an dem man glaubt, alles von dem anderen zu wissen. Es stellt sich Langeweile ein, die Beziehung verliert an Würze. Bei manchen Paaren führt das dazu, dass einer der Partner fremdgeht, eine neue Beziehung eingeht, wo der Reiz des Unbekannten wieder groß ist. Andere Paare legen eine Beziehungspause ein, um durch die vorübergehende Distanz die Möglichkeit für einen Neuanfang zu schaffen. Das Geheimnis einer langen Ehe ist es wohl, immer wieder neue Seiten an dem Partner oder der Partnerin zu entdecken. Und so ist es auch mit unserer Beziehung zu Gott. Es ist gut, dass wir Gott auch als fernen Gott erleben, dass er für uns bei aller Nähe trotzdem unfassbar ist. Ganz werden wir ihn niemals durchschauen, aber so bleibt unsere Beziehung zu ihm auch immer frisch, weil voller Geheimnisse – und Gott wie ein noch nicht ausgereifter Wein, der im Verborgenen für uns immer süßer wird.

Guter Vater, du bist mir nah und trotzdem wunderbar unbegreiflich. Danke, dass ich immer wieder über dich staunen kann.
Amen.


Bild Quelle:
portaldios.com
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