Wer hat mir was zu sagen?
Gott kommt oft anders, als man denkt
Von wem lassen wir uns eigentlich etwas sagen? Von Lehrerinnen und Lehrern, wenn es um schulische Dinge geht. Von Vorgesetzten in dienstlichen Belangen. Von Ärztinnen und Ärzten in Bezug auf unsere Gesundheit. Von Polizistinnen und Polizisten im öffentlichen Raum. Von Eltern, wenn’s sein muss… Menschen müssen eine offizielle Befugnis haben oder eine entsprechende Qualifikation, damit wir ihnen zugestehen, uns etwas vorzuschreiben.
Und wie sieht es aus, wenn es um unser Seelenheil geht? Wem erlauben wir, uns in solchen Fragen Vorschriften zu machen? Wem trauen wir zu, uns von Gott zu erzählen oder sogar in seinem Namen zu uns zu sprechen? Pfarrerinnen und Pfarrern? Sie dürfen es zumindest sonntags mal versuchen, dann hört es aber meist schon auf…
So erlebt es auch Jesus: „Ist das nicht der Zimmermann?“ (Markus 6,3), fragen die Leute verwundert, als er in seiner Heimat von Gott erzählt und Menschen heilt. Der Sohn von Maria und Josef, den sie all die Jahre haben heranwachsen sehen, der will ihnen auf einmal etwas von Gott erzählen? Das können sie nicht glauben. Jesus erfährt das, was man dem Propheten im eigenen Land sprichwörtlich nachsagt, nämlich Skepsis und Ablehnung.
Doch seien wir mal ehrlich: Hätten wir ihm einfach so geglaubt? Oder würden wir uns ihm anschließen, wenn er heute vor uns stünde? In Gestalt des Nachbarn von nebenan, des Computer-Fachmanns, des Gärtners, der Krankenschwester, der Verkäuferin? Wen erwarten wir, wenn wir uns vorstellen, Gott würde jemanden beauftragen, uns etwas mitzuteilen oder durch jemanden sprechen? Wem erlauben wir, für unsere Seele von Bedeutung zu sein?
Wir sehnen uns nach einem lebendigen Gott, der für uns irgendwie sichtbar, spürbar, hörbar wird, der uns auf Fragen antwortet, Kontakt mit uns aufnimmt. Aber wenn er vor uns stünde, würden wir ihn wahrscheinlich übersehen, genauso wie die Menschen damals. Warten wir immer noch auf den großen Sturm? Die Feuersäule? Einen prachtvollen König mit Pauken und Trompeten? Dabei sollten wir seit Jesu Geburt im Stall von Bethlehem doch eigentlich wissen, dass Gott anders ist, dass er unerwartete Wege wählt, um uns nahezukommen… Und doch können wir es immer noch und immer wieder nicht glauben, vor allem nicht, wenn es uns und unseren Alltag betrifft. Dass es der Handwerker aus der Nachbarschaft sein könnte oder die Frau auf der Straße, das will uns einfach nicht in den Kopf. Zu festgelegt sind die Meinungen, die wir über andere haben, zu wenig trauen wir ihnen über das hinaus zu, was sie vordergründig zu sein scheinen.
Doch Gott kümmert sich nicht um diese Etiketten und Schubladen, die wir uns gegenseitig zuweisen. Er sieht uns mit ganz anderen Augen. Er traut uns zu, seine Werkzeuge zu sein, jede und jeder auf seine ganz eigene Art. Versuchen wir doch einmal, unsere Mitmenschen aus dieser Perspektive zu betrachten.
Ich habe mich neulich mit einer jungen Frau unterhalten, die erzählte: „Ich bekomme immer wieder gesagt, dass ich so strahlen würde und dass man sehen würde, dass Gott mit mir ist. Aber ich selber merke das irgendwie nicht. Ich würde mir wünschen, dass Gott mich das mehr spüren lässt.“ Ich hatte in diesem Moment einen Gedanken, den ich ihr auch mitteilte: „Wenn Menschen dir spiegeln, dass sie den Eindruck haben, dass Gott mit dir ist, ist das nicht so, als würde er es dir selbst sagen? Wie deutlich soll er denn noch werden?“ Dieser Gedanke hat sie sehr bewegt, sie hatte es einfach noch nicht aus dieser Perspektive betrachtet.
Guter Vater, hilf mir, die Menschen um mich herum mit deinen Augen zu sehen, dass ich ihnen zutraue, für meine Seele von Bedeutung zu sein.
Amen.