Wer bin ich?
Von der Selbsterkenntnis
Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Wer diesen Satz zu hören bekommt, wird mit dem Vorwurf der Überheblichkeit konfrontiert. Er oder sie hat sich möglicherweise selbst überschätzt, sich eine Rolle angemaßt, die ihm oder ihr nicht zusteht, sich im Ton vergriffen oder etwas getan, für das er oder sie keine Berechtigung hat – und wird dazu aufgefordert, die eigene Position zu überdenken.
Selbsterkenntnis im Sinne einer Erkenntnis der eigenen Schwäche, Unzulänglichkeit oder Begrenztheit kann heilsam sein, das haben auch die antiken Philosophen schon gewusst. Der Satz „Gnothi seauton / Erkenne dich selbst“ zierte als Inschrift die Vorhalle des Apollon-Tempels in Delphi, wo das berühmte antike Orakel seinen Sitz hatte, und mahnte zur Demut gegenüber dem Willen der Götter – bestätigt durch das Beispiel des Herrschers, der von der Pythia die Weissagung bekam, er werde ein großes Reich zerstören, und erst nach einer krachenden Niederlage in dem daraufhin begonnenen Krieg erkannte, dass sein eigenes Reich gemeint war. Selbsterkenntnis kann, wie es Kant später formuliert hat, zu einer „Höllenfahrt“ werden, wenn sie bedeutet, sich schmerzhaften Wahrheiten und Fehleinschätzungen zu stellen, aber sie kann eben auch ermöglichen, mit sich selbst ins Reine zu kommen und den richtigen Weg für sich zu finden.
Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Auch Paulus stellt den Christus-Anhängern in Korinth diese Frage. Die neu gegründete Gemeinde machte ihm immer wieder Sorgen. Es gab interne Spannungen: Charismatische externe Prediger hatten abweichende Lehren verbreitet, sodass einzelne Gemeindemitglieder anfingen, an der Autorität des Apostels zu zweifeln. Einige waren auch der Ansicht, gar keine Anleitungen und Ermahnungen mehr zu benötigen, da sie selbst in Form von Prophetien und Zungenrede den direkten Draht zu Gott hätten. Vor diesem Hintergrund führt Paulus den Adressaten vor Augen, dass diejenigen, die groß von sich reden und behaupten, als Einzige die eine Wahrheit zu kennen, gerade nicht die sind, denen man Glauben schenken sollte. Er stellt seine eigene Schwäche der vermeintlichen Stärke der falschen Apostel entgegen – um zu zeigen, dass gerade darin, in seiner Schwachheit, in seinem Verzicht und in seinem Leiden, die eigentliche Stärke liegt:
Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. (2. Kor. 12,9)
Paulus fordert die Gemeinde auf, das Urteil ihm gegenüber noch einmal zu überdenken – und gleichzeitig auch sich selbst in den Blick zu nehmen:
Erforscht euch selbst, ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst! Oder erkennt ihr an euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist? (2.Korinther 13,5)
In diesen mahnenden Worten ist das klassische „Erkenne dich selbst“ enthalten. Doch Paulus deutet diesen Satz auf Jesus hin neu aus: Sich selbst erkennen bedeutet für die jungen Christus-Anhänger, zu erkennen, dass sie auf geradezu körperliche Weise zu Christus gehören, dass sie durch seinen Tod selbst ganz neue Kreaturen werden, Glieder seines Leibes, dass sie mit der Taufe Anteil bekommen an seinem Sterben, aber eben auch an seiner Auferstehung.
Das klingt jetzt vielleicht recht theoretisch, doch wir können uns die Frage auch einmal ganz konkret und ganz persönlich stellen: Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Was macht dich aus? Was ist für dein Selbstbild von Bedeutung? Definierst du dich über deine Stärken, über das, was du besonders gut kannst? Dann bist du damit nicht allein, denn so ist es ja in unserer Gesellschaft, im Beruf und im Freundeskreis etabliert: Die eigenen Schwächen blenden wir lieber aus. Doch Jesus steht für eine völlige Umkehrung unserer gängigen Werte: Bei ihm wird Schwaches stark, Kleines groß, Totes lebendig. Wir gehören zu jemandem, der sich bis in den Tod hinein erniedrigt hat, um uns zum Leben zu befreien. Wir folgen jemandem nach, der darauf verzichtet hat, seine eigene Stärke auszuspielen, und stattdessen dem Bösen mit maximaler Schwäche begegnet ist, um es zu überwinden. Wir beten zu jemandem, der sich immer wieder gerade den Schwächsten zugewandt, ja mehr noch ihnen besonderen Anteil an seinem Reich zugesprochen hat. Wie verändert das unser Selbstbild? Es sollte uns doch dazu ermutigen, unseren eigenen Schwächen neu zu begegnen und uns auch untereinander anders anzusehen.
Wer bin ich? Wenn ich mir diese Frage als Christ*in stelle, werde ich meinen Zettel vielleicht nicht ausschließlich mit den Dingen füllen, die ich nicht gut kann oder bei denen ich versagt habe. Aber ich werde diese Dinge nicht mehr ausblenden, auch wenn es wehtut, weil ich weiß, dass Jesus dies auch nicht tut. Ich werde mich mit allen Facetten meines Selbst geliebt wissen. Und mir wird klar, dass ich gerade da, wo ich meinen Schwächen und Unzulänglichkeiten begegne, auch Jesus ganz besonders nahekomme, soweit, dass sich, wie Paulus es formuliert, seine Kraft in meiner Schwachheit vollendet. Das wird mich versöhnen: mit mir selbst, mit meinen Mitmenschen und letztendlich auch mit Gott.
Amen.