sammlung

Weißt du, wie ich meine?!

Auf der Suche nach echtem Verständnis (Psalm 139,23)

"Ey Digger, weißt du, wie ich meine?!" Solche oder ähnliche Sätze begegnen mir in letzter Zeit häufiger, wenn ich zum Beispiel in der Bahn oder in der Schule Gespräche jüngerer Menschen höre. "Weißt du, wie ich meine?" scheint in der Jugendsprache eine Floskel der kommunikativen Rückversicherung geworden zu sein. Die Frage ist rhetorisch zu verstehen, verlangt keine konkrete Antwort, aber sie sucht die Aufmerksamkeit des Kommunikationspartners, will sein/ihr Verständnis sicherstellen. "Weißt du, wie ich meine?" ist viel mehr als ein "Hörst du, was ich sage?". Es fragt nicht nur nach dem akustischen Verständnis, sondern bewegt sich auf der intentionalen Ebene: Verstehst du, was ich sagen will, siehst du meine Gedankenwelt, teilen wir einen gemeinsamen Verstehenshorizont?

Vielleicht ist die Häufigkeit dieser Frage auch ein Ausdruck zunehmender Unsicherheit, was das Verständnis im sozialen Miteinander angeht. Ein Grund dafür können wachsende sprachliche Barrieren sein, unterschiedliche sprachliche und kulturelle Hintergründe. Aber ich denke, es drückt sich darin auch eine allgemeinere Verunsicherung aus, was das zwischenmenschliche Verständnis angeht. Wir haben immer häufiger das Gefühl, nicht mehr richtig verstanden zu werden. Viele Menschen beklagen zum Beispiel das fehlende Verständnis der Politiker*innen für ihre Sorgen und Probleme. Aber auch unter Freunden und Bekannten scheint echtes und tiefes Verständnis zunehmend eine Seltenheit zu werden. Kommunikation ist oft flüchtig, weil die Zeit fehlt, oder weil sie über soziale Medien vermittelt ist, die an sich schon eine Hürde für das tiefe Verstehen darstellen. Wer sagt mir, ob meine Freundin in der Sprachnachricht bei WhatsApp auch die Ironie, die hochgezogene Augenbraue mithört, ob sie wirklich versteht, wie ich eine bestimmte Aussage meine? Versteht sie die Bedeutung des Emojis richtig, das ich hinter meine Aussage gesetzt habe? Für Nachfragen auf dieser Ebene bleibt in den sozialen Medien wenig Raum, doch Missverständnisse können schnell zu größeren Differenzen heranwachsen, sich verselbstständigen und sich dann möglicherweise in einem Shitstorm entladen. Ein "Weißt du, wie ich meine?" scheint dieser Tendenz der Schnelligkeit und Unsicherheit unserer Kommunikation etwas entgegensetzen zu wollen, zu mehr Tiefe und echtem Verständnis aufzufordern.

"Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich's meine" (Psalm 139,23).

Der Psalmbeter ist gar nicht so weit entfernt von den Jugendlichen mit ihrer Frage: Weißt du, wie ich meine? Auch er wünscht sich, verstanden werden, auch er möchte, dass Gott seine inneren Beweggründe erkennt, ja sogar prüfend erkundet. Aber im Gegensatz zu uns in unserer alltäglichen zwischenmenschlichen Kommunikation ist sich der Psalmbeter sicher, dass Gott ein solch tiefes Verständnis möglich ist. Gott kann uns bis ins Innerste durchschauen und es besteht keine Gefahr, dass er uns missversteht. Gott sieht uns so, wie wir wirklich sind, und er versteht uns so, wie wir es wirklich meinen. Ein solch tiefes Verständnis wollen wir vielleicht gar nicht mit jedem unserer irdischen Gesprächspartner erreichen, mal ganz abgesehen davon, dass wir es auch nicht erreichen können. Allenfalls in einer sehr tiefen Beziehung oder Freundschaft erlebt man wohl manchmal Momente, in denen man denkt, der Partner oder die Freundin würde einen vielleicht annähernd in dieser Tiefe durchschauen, wie sie hier beschrieben ist. Aber bei Gott können wir diese Tiefe immer haben, wenn auch nur einseitig.
Das kann uns vielleicht in manchen Momenten Trost schenken, wenn wir das Gefühl haben, dass uns niemand so richtig versteht, wenn wir uns alleine fühlen mit dem, was uns im Innersten bewegt und niemanden haben, mit dem wir es teilen können. Wir können uns darauf verlassen, dass Gott uns versteht, in aller nur denkbaren Tiefe. Er kann das wie kein anderer, er sieht bis in unser Herz und unsere Seele. Gott kann es nicht nur, er tut es auch: Gott lässt sich auf uns ein, wir sind ihm wichtig. Und vor allem: Er begegnet uns mit Liebe.
Gott prüft mich bis ins Innerste, aber ich muss keine Angst vor dem Ergebnis dieser Prüfung haben. Selbst wenn er herausfinden sollte, dass ich auf falschem Weg bin, wird er mich nicht "wegwischen", mich nicht verwerfen, mir nicht seine Aufmerksamkeit entziehen - im Gegenteil: Er wendet sich mir zu, er läuft mir nach, will mir helfen, im Leben klarzukommen und gute Wege zu finden. Und so kann ich sogar soweit gehen wie der Psalmbeter und den prüfenden Blick Gottes aktiv suchen - in der Hoffnung, dass er mich als sein geliebtes Kind freundlich und wohlwollend ansieht und mich an die Hand nimmt, wenn ich mich auf Irrwegen befinde.

Gott weiß, wie ich es meine. Dieses tiefe Verständnis von Gott gibt mir Sicherheit, auch für den Umgang mit meinen Mitmenschen. Es gibt einen, der mich ganz sicher und ganz tief versteht, der mich prüft und durchschaut und dessen Liebe dadurch nur tiefer, aber nicht in Frage gestellt wird. Das bestärkt mich, auch mit den Menschen in meinem Leben mehr Tiefe zu wagen, genauer hinzuschauen, was und wie sie es meinen - mit Wohlwollen und Verständnis, Achtung und Respekt - auf dass ich mehr von ihnen wahrnehme, und ihnen umgekehrt auch mit mehr Vertrauen begegnen kann, ohne Gefahr zu laufen, missverstanden oder zurückgewiesen zu werden.

Guter Vater, du verstehst mich wie kein anderer und du meinst es gut mit mir, danke dafür.
Amen.

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