sammlung

Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?

Eine Liebeserklärung von A bis Z

Der Psalm 119 ist in vieler Hinsicht herausragend: Er ist mit 176 Versen der längste Text im Buch der Psalmen und damit auch das längste Kapitel in der Bibel. Gegliedert ist er in 22 Abschnitte von je 8 Versen, wobei die Verse in einem Abschnitt jeweils mit dem gleichen Anfangsbuchstaben, nämlich einem der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets beginnen. Luther nennt diesen Psalm deshalb das „Güldene ABC“.

Voller Sehnsucht warte ich auf deine Hilfe, ich setze alle meine Hoffnung auf dein Wort.
Ich vergehe fast vor Ungeduld, bis du deine Zusage erfüllst. Wann endlich tröstest du mich? (Ps 119,81+82)

Da betet einer und legt Gott in 176 Variationen alles hin, was er über sein Wort empfindet: von A wie Angst über F wie Freude, H wie Hoffnung und S wie Sehnsucht bis zu Z wie Zweifel.

Dein Wort ist meine Lieblingsspeise, es ist süßer als der beste Honig. (Ps 119, 103)

Dein Wort ist wie ein Licht in der Nacht, das meinen Weg erleuchtet. (Ps 119, 105)

Der Psalm ist wohl ein Versuch, so etwas wie ein umfassendes, vollständiges Zeugnis abzulegen, irgendwie zu fassen, wie viel Gott dem Betenden bedeutet. Und wenn man die Verse liest, spürt man das Bemühen, all diese Facetten auszudrücken, die große Freude, die tief empfundene Sehnsucht, den innigen Wunsch, Gott nahe zu sein, ihn zu verstehen, seinen Geboten gerecht zu werden, heil und ganz zu werden durch sein Wort, die eigene Not und Bedrängnis zu überwinden.

HERR, zeige mir doch, wie sehr du mich liebst, und hilf mir, wie du es versprochen hast! (Ps 119, 41)

Ich aber liebe deine Gebote – sie bedeuten mir mehr als reines Gold. (Ps 119, 127)

Vielleicht kennst du die Geschichte von dem kleinen Hasen, der versucht, dem großen Hasen zu sagen, wie lieb er ihn hat. Immer neue Vergleiche denkt er sich aus, und jedes Mal wird er vom großen Hasen überboten, weil der einfach längere Arme hat, höher springen kann und so weiter. Der kleine Hase schläft schließlich erschöpft ein mit den Worten „Ich hab dich lieb bis zum Mond“, was der große Hase zärtlich mit „Ich hab dich lieb bis zum Mond und zurück“ beantwortet.

Versuche doch auch einmal eine Liebeserklärung an Gott: Setz dich mit Gott auseinander, und zwar von A bis Z. Dabei muss kein „güldenes Alphabet 2.0“ herauskommen, vielmehr dein ganz persönliches Portfolio. Lass dabei nichts aus, auch nicht E wie Eitelkeit, SCH wie Scham oder V wie Verzweiflung. Denn eine Liebeserklärung an Gott kann es auch sein, ihm zu sagen, dass ich zwar von Herzen wünsche, ihm nahe zu sein, dass ich mich nach Kräften bemühe, nach seinem Wort zu leben, es aber nicht immer hinbekomme. Eigentlich ist das sogar die größte Liebeserklärung, die wir Gott machen können, ihm unsere schwachen Seiten zu zeigen, ihm zu sagen, wo wir Angst haben, uns selbst im Weg stehen, versagen.

Denn Jesus hat uns gelehrt, dass Gott gerade dann mit seiner eigenen, durch nichts und niemanden zu überbietenden Liebe antwortet, wenn wir uns ihm echt und ungeschminkt zeigen, mit all unserem Bemühen, aber auch mit all unseren Unzulänglichkeiten.

Wir dürfen hüpfen und springen wie der kleine Hase, wir dürfen loben und preisen mit allen Buchstaben und Tönen, die uns zur Verfügung stehen. Wir dürfen aber auch offenlegen, wo wir es nicht schaffen, wo wir zu träge sind, zu springen, wo uns die Worte fehlen, weil wir zu traurig oder zu schwach sind.
Und wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott ist wie der große Hase, nur viel größer. Seine Liebe hat mehr Buchstaben als jedes Alphabet, reicht weiter als der Himmel und ist höher als jeder Berg, den wir uns nur vorstellen können.
Und gerade deshalb wird er jede unserer Erklärungen, die jubelnden wie die verzagten, mit seinem ganz eigenen, unvergleichlichen „Ich hab dich lieb“ beantworten.

Amen.

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