sammlung

Weihnachten ist wie ein Schlüsselloch

Eine Andacht über verheißungsvolle Erwartungen

Zu den eindrücklichsten Erlebnissen meiner Kindheit gehört das Warten auf die Bescherung am Heiligen Abend. Das Weihnachtszimmer war immer schon am Vormittag verschlossen, und irgendetwas Geheimnisvolles ging dort vor sich – etwas, wovon ich ausgeschlossen war. Oft musste ich sogar in mein Kinderzimmer gehen und „spielen“. Doch wie sollte ich spielen, wenn die Spannung fast greifbar war? Einmal war ich so neugierig, dass ich am Schlüsselloch der Tür hing, um zu sehen, was draußen passierte.
Ich erinnere mich an das Klingeln an der Haustür. Menschen kamen die Treppe hoch und trugen einen großen, verdeckten Gegenstand – wie die drei Heiligen Könige – an meiner Zimmertür vorbei. Ich konnte nicht erkennen, was es war, und hatte keine Ahnung, ob es ein Geschenk sein könnte. Und wenn ja, für wen? Alles blieb ein Geheimnis, abgesehen von einem kleinen Lichtschimmer, der durch das Schlüsselloch fiel und mich ahnen ließ, dass dort etwas ganz Besonderes vorbereitet wurde.
Später wurde die Tür geöffnet, und das Geheimnis wurde gelüftet. Wir betraten einen hell erleuchteten, festlich geschmückten Raum. Diese Erfahrung habe ich später mit meinen eigenen Kindern geteilt – so wie es Millionen von Menschen jedes Jahr zu Weihnachten tun.

Das Bild des Schlüssellochs und des erleuchteten Weihnachtszimmers ist für mich ein Gleichnis für die Geschehnisse in der Heiligen Nacht. Die Menschen damals lebten in gespannter Erwartung, etwas Großes war angekündigt. Friedrich von Bodelschwingh, der Gründer von Bethel, hat es treffend formuliert: "Das ist das Wunder der Heiligen Nacht, dass in die Dunkelheit der Erde die helle Sonne scheint. Advent und Weihnachten sind wie ein Schlüsselloch, durch das ein Lichtstrahl aus der Heimat auf unseren dunklen Erdenweg fällt. Nach Hause kommen – das ist es, was das Kind von Bethlehem uns allen schenken will."

In jenem Jahr meiner Kindheit wurde meine Erwartung übrigens nicht enttäuscht. Der große, verdeckte Gegenstand war tatsächlich für mich. Es war ein Geschenk, das mir viele Jahre Freude bereitet hat.
Heute, als Erwachsener, sind mir Geschenke nicht mehr so wichtig. Was geblieben ist, ist die Freude am Licht von Weihnachten – das Licht, das mit Jesu Geburt in die Welt gekommen ist. Es ist der Schein des Sterns über Bethlehem, die Wärme von himmlischen Liedern, Begegnungen und kleinen Momenten, die unser Herz berühren. Dieses Licht leuchtet in unsere Welt und gibt uns schon jetzt eine Ahnung davon, was es bedeutet, ganz zu Hause in Gottes reicher Welt zu sein.

Christian Uhlstein, Landesjugendpfarrer der Ev. Kirche von Westfalen

P.S.: Jesaja (700 Jahre v. Chr.) beschreibt dieses Wirken Gottes mit den Worten: "Deine Sonne wird nicht mehr untergehen, und dein Mond wird nicht mehr abnehmen; denn Gott wird dein ewiges Licht sein." (Jesaja 60, 20)
Bibelstellen zur Andacht:
Jes 60,20 - 20

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