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Vor die Welle kommen ...

Vom Wellenreiten und Freiräumen im Leben

Der Hollywoodfilm "Die Wellenreiter von Hawai" aus dem 8oer Jahren erzählt eine Geschichte, die eigentlich für viel mehr steht als für Sport: Rick, ein junger Surfer aus den USA, reist nach Hawaii, um sich den legendären Wellen der North Shore zu stellen – diesen riesigen, unberechenbaren Brechern, vor denen selbst erfahrene Surfer Respekt haben.

Er scheitert zunächst. Und das nicht, weil er keine Kraft hätte – sondern weil er die Welle nicht versteht. Erst durch erfahrene Surfer lernt er Demut und Respekt vor dem Ozean. Und am Ende findet er nicht nur seinen Weg auf dem Brett – er findet auch zu sich selbst. Und nebenbei seine große Liebe.

Es ist ein Coming-of-Age-Film im Stil von Karate Kid – vor der Kulisse einer atemberaubend schönen, aber auch gefährlichen Küste. So wie das Leben selbst: wunderschön und zugleich gefährlich."

Im Film fallen Sätze, die über das Surfen weit hinausgehen:
»Kämpfe nicht gegen die Welle – lerne, mit ihr zu gehen.« –
»Mut heißt nicht, jede Welle zu nehmen – sondern die richtige.«
»Balance ist wichtiger als Kraft.«

Das sind Lebensweisheiten. Und Rick muss sie nicht nur auf dem Surfbrett lernen – er muss sie im Leben begreifen. Vielleicht gilt das auch für uns: im Beruf, in der Gemeinde, im Glauben.
Was die Bibel schon wusste
Der Prediger Salomo hatte ein Gespür für das Timing des Lebens: "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde (Prediger 3,1)

Es gibt eine Zeit für die Welle – und eine Zeit, sie zu lassen. Wer immer kämpft, wer immer treibt, wer nie wartet, verpasst den Moment. Auf das richtige Timing kommt es an. Das ist keine Passivität – das ist Weisheit.

Und Salomo weiß noch mehr. Im Buch der Sprüche lesen wir: "Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand; sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen" (Sprüche 3,5–6).
Das ist vielleicht der tiefste Grund, warum wir vor die Welle kommen können: Nicht durch eigene Cleverness. Sondern weil wir uns einer Führung anvertrauen, die größer ist als unser Plan.
Vor der Welle oder hinter ihr?
Doch im Leben ist es gar nicht so einfach, vor die Welle zu kommen. Viele Menschen klagen, dass sie mit so vielem beschäftigt sind, dass sie gar nicht hinterherkommen". Die Welle bricht am Strand – und sie sind noch irgendwo auf dem Surfboard, paddeln gemütlich hinterher.

Das kann manchmal auch schön sein. Aber wer Wellenreitern glaubt, der weiß: Es ist dieser besondere Moment vor der Welle, dieser Kick, diese Lebendigkeit – die so viele Freude schenkt.

Das Treiben hinter der Welle ist wie … nicht bei der Party dabei zu sein, sondern erst am nächsten Morgen aufzutauchen. Man isst die Reste des Nudelsalats und lässt sich erzählen, wer alles da war. Wie die Musik war. Was man verpasst hat."

Wie kann man vor die Welle kommen? Vermutlich nur, wenn man sich Freiräume einräumt.
Wer Wellenreiten geht, ist den ganzen Tag am Strand. Oder zumindest den halben. Ganz da.
Er hat seinen Kalender nicht vollgepackt mit zehn anderen Dingen. Er hat sich bewusst Zeit genommen – nicht für eine To-do-Liste, sondern für das Meer. Er beobachtet. Er wartet. Er lernt die Wellen kennen, ihre Rhythmen, ihre Muster. Er ist präsent – körperlich, geistig, innerlich. Und genau diese Präsenz ermöglicht es ihm, im richtigen Moment loszupaddeln.

Für uns bedeutet das: Wer immer nur reagiert, wer immer nur hinterhersprintet, wer seinen Tag mit Terminen und Pflichten füllt bis kein Atemzug mehr Platz hat – der wird die Welle immer erst sehen, wenn sie schon weg ist.

Freiräume sind kein Luxus. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt wahrnehmen, was gerade aufbricht. In unserem Leben. In unserer Gemeinde. In Menschen, die uns begegnen.
Das gilt für die persönliche Spiritualität: Wer nie Stille schafft, hört Gott nicht mehr reden. Das gilt für Beziehungen: Wer nie Zeit hat, verliert den Kontakt. Das gilt für Kirche und Jugendarbeit: Wer nur verwaltet, verpasst die lebendigen Aufbrüche.

Die Welle kommt. Das ist sicher. Die Frage ist nur: Bin ich bereit?
Rick lernte in Hawaii: Nicht die Stärksten reiten die besten Wellen. Sondern die Aufmerksamen. Die Geduldigen. Die, die Respekt haben – und trotzdem Mut.
Der Prediger Salomo sagt: Es hat alles seine Zeit. Und Sprüche 3 sagt: Gott führt dich – wenn du auf ihn hörst.
Was wäre, wenn wir weniger kämpfen würden – und mehr vertrauen? Weniger paddeln gegen den Strom – und mehr auf den richtigen Moment warten? Weniger Stress, das Nächste zu schaffen – und mehr Freude daran, das Jetzige zu leben?
»Balance ist wichtiger als Kraft.«

Gebet
Gott, du kennst unsere überfüllten Tage. Du siehst, wie wir oft hinterherrennen. Hilf uns, Freiräume zu wagen – und in der Stille deine Führung zu spüren. Zeig uns, welche Welle du für uns bereithältst. Und gib uns den Mut, im richtigen Moment loszupaddeln.
Amen.

Christian Uhlstein, Landesjugendpfarrer der EKvW
Bibelstellen zur Andacht:
Sprichwörter/Sprüche 3,5 - 6

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