Vom Ankommen
„Wallfahrten“ im Alltag
In diesen Tagen beginnt für Millionen Muslime der Hadsch, also die Wallfahrt nach Mekka und Medina, die jeder Gläubige einmal in seinem Leben unternehmen sollte. Die Organisatoren in Saudi-Arabien erwarten wie jedes Jahr Massen an Pilgern und befürchten angesichts der großen Hitze in der Region, dass wieder zahlreiche Menschen dabei sterben werden – im letzten Jahr waren es mehr als 1000. Die Pilgerfahrt bringt große Strapazen mit sich, und doch beschreiben die meisten Gläubigen sie als ein großartiges Erlebnis. Viele sparen lange dafür, um sich diesen Traum zu verwirklichen. Das Ankommen an dem heiligen Ort, das Gefühl der Nähe zu Gott und die Gemeinschaft der Gläubigen lässt die meisten Reisenden den Aufwand und die Mühen vergessen.
Auch der Psalm 125 ist überschrieben als „Ein Wallfahrtslied“ für diejenigen, die eine Pilgerreise nach Jerusalem unternehmen. Ich versuche, mich in die Situation des Psalmbeters hineinzuversetzen: Er ist schon Tage, vielleicht auch Wochen oder Monate unterwegs ohne ein festes Zuhause, immer wieder auf der Suche nach einem sicheren Nachtlager und Verpflegung, den Gefahren des Weges ausgesetzt, wilden Tieren, Räubern und der unwirtlichen Umgebung im Bergland oder in der Wüste. Vermutlich malt er sich immer wieder aus, wie es sein wird, anzukommen am Ziel, den lang ersehnten Ort zu erreichen, den Tempel zu besuchen, Gott ganz nah zu sein. Und dann kommt der Moment: Ein letzter Anstieg, dann blickt der Pilger von einem Hügel auf Jerusalem herab. Was mag das für ein Gefühl sein? Erleichterung, Freude, Glück, Euphorie, die Strapazen fallen ab, die Ängste und Entbehrungen der Reise sind vergessen, Hoffnung keimt auf, nun wird alles besser, nichts kann mehr passieren.
„Um Jerusalem her sind Berge, und der Herr ist um sein Volk her von nun an bis in Ewigkeit“ (Psalm 125,2).
In dem beschriebenen Kontext passen diese Worte sehr gut: Der Pilger blickt auf Jerusalem, das eingebettet inmitten der Gebirgsketten des Judäischen Berglandes liegt. Und er spürt, wie dieses Naturbild zu seiner eigenen Situation passt, fühlt sich selbst von Gott umgeben und beschützt wie die Stadt von den Bergen. Ihm wird bewusst, dass er sich in einen besonderen, einen heiligen Raum begeben und Teil einer großen Gemeinschaft werden wird, die unter Gottes besonderem Schutz steht. Diese Ankunft bringt für ihn ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit mit sich.
Doch was können uns diese Worte hier und heute sagen, wenn wir nicht gerade auf Wallfahrt, sondern eingespannt in unserem Alltag sind, wenn der nächste Urlaub in weiter Ferne und ein romantischer Blick auf eine Stadt in Hügellandschaft auch gerade nicht zu realisieren ist?
Mir persönlich macht der Vers bewusst, dass ich auch in meinem normalen Leben Orte der Geborgenheit brauche, wo ich das Gefühl habe, anzukommen, alles Störende draußen bleibt und ich ganz bei mir bin. Ich brauche Momente, in denen ich Lärm und Stress abschütteln kann, mich einfach fallenlasse, in die Stille eintauche, Gedanken nachhänge. Diese Augenblicke sind für mich so etwas wie geistige „Wallfahrtsorte“, Schutzräume, aus denen Lärm, Stress und Sorgen ausgesperrt sind.
Für andere können solche „Wallfahrtsorte“ im Alltag ganz anders aussehen: Vielleicht die Zeit im Hobbykeller, vertieft in eine Bastelarbeit; die Stunde in der Jugendgruppe, wo du weißt, dass du unter Gleichgesinnten mit ähnlichen Interessen bist und ganz du selbst sein kannst; die Chorprobe, in der wir gemeinsam singen und die Harmonien der verschiedenen Stimmen und das Zusammenwirken von Text und Musik genießen; oder auch der Gottesdienst am Sonntag, wo ich mir eine Stunde der Besinnung nehme.
Der Psalmvers lädt dazu ein, in solchen Momenten einmal bewusst hinzuspüren, inwiefern vielleicht auch Gott gerade dabei ist. Die Worte regen dazu an, mir klarzumachen, dass Gott es ist, der mir diese Räume eröffnet und mich schützend umgibt. Dann bin ich noch bewusster da in diesen Momenten, genieße bewusster sein Mit-Sein. Und dann wird vielleicht die Stille zum Gebet, ganz leicht und ungezwungen, oder ich spüre einfach einen tieferen Sinn und eine größere Sicherheit in dem, was ich tue.
Ankommen, eintauchen, geborgen sein – das können wir mit und durch Gott, und es ist dabei eigentlich egal, welchen Namen unsere Religion hat oder wo wir uns gerade befinden.
Guter Vater, es ist schön, bei dir ankommen zu können.
Amen.