„Trotzdem Ja zum Leben sagen"
Eine Andacht zur Passionszeit
Du scrollst durch die Nachrichten: Immer noch Krieg in Nahost. Menschen auf der Flucht. Wieder ein Bericht über Missbrauch, - diesmal über einen gewalttätigen Schauspieler, dem seine Partnerin vertraut hatte. Und du fragst dich: Was für ein Film läuft hier eigentlich ab?
Und dann: Eine Seite über Ostern. Hoffnung. Auferstehung. Neuanfang. Wie von einer anderen Welt. Das fühlt sich schräg an. Unangemessen. Und wäre da nicht das, was der Ostergeschichte vorausgeht – es wäre es auch. Doch das freudige Osterereignis ist nicht zu denken ohne die Passionszeit. Und das verändert die Erzählung.
Passion heißt Leiden. Die Passionsgeschichte erzählt in den Wochen vor dem Osterfest nicht von einer heilen Welt.
Sie erzählt eine Leidensgeschichte von einem, der von einem Freund verraten wird. Der verurteilt wird, obwohl er nichts getan hat. Der allein stirbt. Unter Spott. Jesus stirbt nicht heldenhaft. Er schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Markus 15,34) Kein frommer Abgang. Kein Friede am Ende. Ein Aufschrei. Eine Anklage. Eine echte Frage. Jesus performt nicht. Er bricht in sich zusammen.
Eine ehrliche Geschichte ist es: Gott selbst kennt das Gefühl des Verlassenseins. Das macht dein Leid nicht kleiner. Aber du bist darin nicht allein.
Leid und Hoffnung gehören zusammen: Viktor Frankl war ein Psychiater in Wien. Er überlebte Auschwitz. Er verlor seine Frau. Seine Eltern. Seinen Bruder. Alles weg. Und trotzdem schrieb er: Es gibt eine Freiheit, die kein Mensch einem anderen nehmen kann – die Freiheit zu wählen, wie man zu dem steht, was einem passiert. Er sah im Lager Menschen, die anderen ihren letzten Bissen Brot gaben. Die in der dunkelsten Situation noch füreinander da waren. Nicht weil es leicht war. Weil sie es wählten. Frankl nennt das nicht Optimismus. Er nennt es: trotziges Hoffen. Sein Buch heiß dementsprechend: „Trotzdem Ja zum Leben sagen." Trotzdem. Nicht: Wird schon irgendwie. Nicht: Ist doch alles halb so wild. Sondern: Ich entscheide mich – auch jetzt – dafür, Mensch zu bleiben. Zu lieben. Zu hoffen. Ja, das klingt fast anmaßend. Und gleichzeitig ist es das Mutigste, was geht.
Wer redet wirklich über Hoffnung? Nicht die, denen alles gelingt. Sondern die, die durch etwas hindurchgegangen sind. Die nach neuem Leben dürsten – weil das alte zerbrochen ist. Hoffnung entsteht nicht im Glück. Sie wächst im Leid – als Trotzkraft.
Kein Zufall ist es, dass die Klagemauer in Jerusalem für viele Juden der heiligste Ort der Welt ist. Kein Triumphbogen. Kein Palast. Eine Ruine. Eine Mauer aus Trümmern. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist es der Ort, an dem Gottes Nähe am stärksten gespürt wird.
Ostern ist nicht das Ende des Schmerzes. Ostern ist die Behauptung: Die Erzählung vom Tod hat nicht das letzte Wort. Die Erzählung vom Leben ist mächtiger.
Trotzdem. Und vielleicht ist das die Einladung: Nicht alles verstehen müssen. Nicht alles schönreden. Aber trotzdem – leben.
Gebet: Gott, ich bringe dir die Fragen, die ich nicht loswerde. Die Bilder, die ich nicht vergesse. Die Namen, die ich nicht aussprechen kann. Ich klage – wie Jesus am Kreuz. Und ich bitte dich – trotzdem. Gib mir Mut und Kraft zum trotzigen Hoffen. Zeig mir, wo ich heute Menschlichkeit leben kann – ein kleines, konkretes Trotzdem nach dem anderen. Amen.