sammlung

Suchet mich, so werdet ihr leben. (Amos 5,4)

Woran merke ich eigentlich, dass ich Gott gefunden habe?

„Suchet mich, so werdet ihr leben.“ Das ist einer dieser Sätze aus der Bibel, die man sich auf den Unterarm tätowieren lassen oder als Poster über das Bett hängen könnte, weil er einfach ein Satz für’s Leben ist. Nicht umsonst ist dieser Vers schon einmal Jahreslosung gewesen, nämlich im Jahr 1978.

Dabei steht er eigentlich in einem düsteren Kontext. Amos prophezeit dem Volk Israel den Niedergang, da es sich von Gott abgewendet habe. Er kritisiert vor allem die soziale Ungerechtigkeit, die Ausbeutung der Armen und die Korruptheit der Oberschicht. Angesichts dessen kündigt er die baldige Zerstörung all der frevelhaft erworbenen Reichtümer durch Gottes strafende Hand an. Und er mahnt zur Umkehr. Doch diese unangenehmen Wahrheiten will niemand hören. Amos zieht den Hass der Obrigkeiten auf sich und muss Israel verlassen. 25 Jahre später wird das Land von assyrischen Truppen überfallen und verwüstet.

„Suchet mich, so werdet ihr leben.“ Es ist ein erstaunlicher Zufall, dass dieser Vers ausgerechnet für das Jahr 1978 ausgelost wurde – das Jahr, in dem in Camp David die Nahostverträge unterzeichnet wurden, die nach langen Jahren voller Krieg und Zerstörung endlich Hoffnung auf ein friedliches Miteinander zwischen Israel und seinen Nachbarn machten. Das Jahr 1978 war auch ein Jahr, in dem in Deutschland so viel gestreikt wurde wie nie zuvor, weil Menschen sich ungerecht bezahlt und durch die zunehmende Technisierung von ihrem Arbeitsplatz verdrängt fühlten. Manchmal kann man kaum glauben, dass die Losungen immer viele Jahre im Voraus festgelegt werden.

„Suchet mich, so werdet ihr leben.“ Bibelverse, die als Jahreslosung ausgewählt werden, haben in der Regel auch über ihren historischen Sitz im Leben hinaus eine besondere allgemeine Aussagekraft und zeichnen sich durch ihre Übertragbarkeit auf verschiedene Lebenssituationen aus. So auch dieser Vers, in dem es, wenn man ihn für sich betrachtet, um nicht weniger als den Sinn des Lebens geht. „Suchet mich, so werdet ihr leben“. – ‚Leben‘ können wir hier als ‚am Leben bleiben‘ im Gegensatz zu ‚sterben‘ verstehen, wenn es darum geht, Gottes Strafe zu entgehen. Wir können es aber auch allgemeiner als ‚erfüllt leben‘ oder ‚eigentlich / richtig leben‘ auffassen. Die Suche nach Gott wird als Bedingung für das richtige Leben beschrieben: Wenn du Gott suchst, wirst du erst richtig leben. Doch wie sucht man eigentlich nach Gott? Amos selbst formuliert eine Antwort auf diese Frage, indem er spricht: „Suchet das Gute und nicht das Böse, auf dass ihr lebet und der HERR, der Gott Zebaoth, mit euch sei, wie ihr rühmt“ (Amos 5,14). Gott suchen heißt also für ihn, das Gute suchen, und das Leben, das sich daraus ergibt, ist ein Leben unter Gottes Schutz, in seinem Mit-Sein.

Für Amos ist es klar, was „das Gute“ ist: Das Volk Israel soll Gerechtigkeit walten lassen, den Armen und Unterdrückten zu ihrem Recht verhelfen. Doch wenn wir den Vers auf uns und unser reales Leben heute beziehen, wird jeder für sich selbst noch einmal neu und ganz konkret beantworten müssen, was „das Gute“ eigentlich ist. Und manchmal ist das gar nicht so leicht herauszufinden, weil sich die verschiedenen Optionen, die uns zur Verfügung stehen, gar nicht so einfach in „gut“ und „schlecht“ unterscheiden lassen, wie es Amos mit Blick auf die Israeliten tut. Manchmal stehen wir an Scheidewegen in unserem Leben und es fällt uns schwer zu sagen, welcher Weg „der gute“ ist. Es stellt sich dann neben der Frage: Wie suche ich eigentlich nach Gott?, noch eine andere, vielleicht noch wichtigere Frage, nämlich: Wie merke ich eigentlich, dass ich ihn gefunden habe?

Mir fällt dazu die Geschichte eines Mannes ein, den ich vor Kurzem bei einer kirchlichen Talk- und Themen-Veranstaltung kennengelernt habe: Helmut Roßkopf sollte eigentlich den Schreiner-Betrieb seiner Eltern übernehmen, alles war dafür vorbereitet. Doch nach der Ausbildung entschied er sich, in eine ökumenische Jesus-Bruderschaft einzutreten und sein Leben ganz Gott zu widmen. Das Jahr 1978, das unter dem Motto „Suchet mich, so werdet ihr leben“ stand, war für Roßkopf ein Jahr der Entscheidungsfindung, in dem es genau darum ging, Gott zu suchen und herauszufinden, welchen Weg er gehen sollte. Die Pläne und Hoffnungen der Eltern nagten an seinem Gewissen, doch dagegen stand das untrügliche Gefühl, in der Klostergemeinschaft aufgehoben und richtig zu sein. Roßkopf befand sich in diesem Jahr in den USA und verfasste dort einen Brief, in dem er seinen Eltern die Entscheidung mitteilte, ins Kloster zu gehen. Das Schreiben ging 1979 per Luftpost in die Heimat und stieß die Eltern erwartungsgemäß vor den Kopf. Sie akzeptierten zähneknirschend seine Entscheidung, konnten ihre Enttäuschung aber nicht verbergen.
Doch Roßkopfs Weg als Schreiner sollte mit dieser Entscheidung nicht zu Ende sein. Es ergab sich, dass er nach einiger Zeit im Kloster die Aufgabe bekam, dort eine Schreinerei aufzubauen. Das tat er und war dabei sehr erfolgreich. Das von ihm zunächst in einem alten Schafstall gegründete Unternehmen wuchs über die Jahre von 0 auf 200 Mitarbeiter heran und hat heute einen Jahresumsatz von 20 Mio. Euro. Es ist spezialisiert auf die Verarbeitung von Mineralwerkstoffen und hat sich dadurch zu einem sogenannten „Hidden Champion“ entwickelt. Der Moderatorentisch beim „heute journal“ ist ein Beispiel für Produkte aus Roßkopfs Fertigung, für die er inzwischen Aufträge aus aller Welt verbucht. Im Jahr 2023 zog er sich aus dem Unternehmen zurück und übergab die Führung an eine gemeinnützige Stiftung, in deren Aufsichtsrat er aber weiterhin tätig ist. Bruder Helmut lebt im Kloster Volkenroda in Thüringen, das er selbst mit aufgebaut hat.
Das Leben in zwei so gegensätzlichen Welten, einerseits als Klosterbruder im Dienst für Gott und die Gemeinschaft und andererseits als erfolgreicher Unternehmer und Geschäftsmann mit Führungsverantwortung stellte ihn immer wieder vor die Frage: Welches ist eigentlich der „richtige“ Weg? Bruder Helmut berichtete bei der Veranstaltung davon, wie er seinen Weg und seinen Platz im Leben gefunden hat, auch in Zeiten des Zweifels und der Unsicherheit. Eine Aussage ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben. Auf die Frage, woran man denn seiner Ansicht nach merke, dass man auf dem richtigen Weg sei, antwortete er nach kurzer Überlegung: Man merkt es daran, dass man Frieden hat. Mich hat die Kürze dieser Antwort und die Ruhe und tiefe Überzeugung, mit der er sie vortrug, nachhaltig beeindruckt: Ich merke, dass ich auf dem richtigen Weg bin, wenn ich Frieden habe.

Mit dieser Aussage im Hinterkopf lese ich die von Amos verkündigten Worte noch einmal anders: „Suchet mich, so werdet ihr leben“. Ich suche Gott, indem ich versuche, gut und richtig zu leben. Ich orientiere mich dabei an seinen Geboten und den Werten, die sich daraus ergeben. Ich hinterfrage mich, höre auf, nach unwichtigen Dingen zu streben, die mich abbringen von Gott. Ich lebe nicht auf Kosten anderer, sondern so, dass es auch meinen Mitmenschen dient. Dazu gehört, dass ich so lebe, dass auch nachfolgende Generationen diesen Planeten noch bewohnen können. All dies kann ich beherzigen und nach Kräften versuchen umzusetzen. Trotzdem bin ich vielleicht manchmal unsicher und frage mich, ob ich ganz persönlich auf dem richtigen Weg bin.
Und bei der Beantwortung dieser Frage soll mir der zweite Teil der Aussage eine Richtschnur sein: „Suchet mich, so werdet ihr leben.“ Nach Gott suchen heißt eben auch, Wege zu finden, wirklich zu leben, und zwar ganz und mit voller Kraft, nicht mit angezogener Handbremse. Ich merke, dass ich den richtigen Weg, dass ich Gott gefunden habe, wenn ich ein Gefühl von Frieden habe, wenn ich das Gefühl habe, dass ich wirklich erfüllt und sinnhaft lebe. Ich merke, dass ich Gott gefunden habe, wenn ich das Gefühl habe, dass ich meine Fähigkeiten voll ausschöpfe, meine Potentiale ganz entfalte und dies im Einklang mit der Welt und zum Wohl meiner Mitmenschen.

So konnte Bruder Helmut seinen ganz persönlichen Weg finden und dabei seine geistliche und seine handwerklich-unternehmerische Seite gleichermaßen zur Entfaltung bringen. Er fand seinen Frieden, mit sich selbst, schließlich auch mit seinen Eltern, den Brüdern und Schwestern im Kloster, seinen Mitarbeitern und Kunden, und vor allem mit Gott. Und dieses Beispiel kann auch uns ermutigen, Gott zu suchen und dabei danach zu schauen, im doppelten Sinn richtig zu leben: richtig nach seinen Geboten, aber eben auch richtig im Sinne von erfüllt und sinnhaft. Und das Gefühl von persönlichem Frieden kann uns zeigen, dass wir Gott gefunden haben, dass er mit uns ist.

Guter Vater, wenn ich dich suche, finde ich Frieden.
Amen.


Bild Quelle:
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Bibelstellen zur Andacht:
Am 5,4 - 17

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