Schlag zu!
Ein Streifzug über den Markt der Möglichkeiten
Stell dir das Leben als einen großen Wühltisch vor: Es gibt tausend Angebote, verlockende Möglichkeiten, aber auch Dinge, die dir nicht gefallen. Deine Hände graben sich durch einen Berg an Optionen, die du dir zu eigen machen könntest oder auch nicht, sie fördern immer wieder neue Chancen zutage, wecken Wünsche und Begehrlichkeiten, versprechen Glück und Zufriedenheit.
Das Leben als Wühltisch... Ich komme auf dieses Bild ausgehend von einem Spruch aus dem Buch Kohelet / Prediger, wo es im Hebräischen wörtlich heißt:
Alles, was deine Hand findet zu tun mit deiner Kraft, das tu. (Prediger 9,10a)
Das wird freier übersetzt mit Formulierungen wie: Was immer du zu tun vermagst, das tu.
Das Bild von der Hand, die etwas findet, vielleicht beinahe zufällig an einer Sache hängenbleibt, auf eine Handlungsoption stößt, überraschende, verlockende Möglichkeiten auftut – dieses Bild, das bei mir die Assoziation vom Wühltisch weckt, passt gut zu unserer heutigen Lebenserfahrung: Wir haben so viele Möglichkeiten, stehen vor einer geradezu erschlagenden Palette an Angeboten, wie wir unser Leben gestalten könnten, und sind immer wieder mit der Frage konfrontiert, welche davon die beste für uns ist, was wir tun und was wir lieber lassen sollten.
Der Ratschlag des Predigers liest sich beinahe wie eine frühe Version von „YOLO - You only live once“, zumal er den Satz mit einem Hinweis auf die Endlichkeit des menschlichen Lebens fortsetzt:
Denn weder Tun noch Planen, weder Wissen noch Weisheit gibt es im Totenreich, dahin du gehst. (Prediger 9,10b)
Angesichts der Erfahrung, dass alles Lebendige vergänglich ist und der Tod manchmal plötzlich und unerwartet kommt, erscheint es nur folgerichtig, das Hier und Jetzt in vollen Zügen zu genießen. Der Prediger zählt gutes Essen, Trinken, Wellness und partnerschaftliche Liebe auf und ist damit nicht weit entfernt von dem, was wir auch heute noch mit Lebensfreude verbinden.
Alles das genießen, was mir in die Hände fällt: ein schöner Gedanke, ein wichtiger auch, da es mir – wie vermutlich vielen anderen auch - manchmal schwerfällt, mir selbst etwas zu gönnen und dabei kein schlechtes Gewissen zu haben. Wie befreiend, zu hören, dass es auch Gottes Wunsch ist, dass ich mein Leben genieße.
Denn hier kommt nun noch eine andere Hand ins Spiel, nämlich seine Hand, die Hand Gottes. Der Prediger erwähnt sie direkt am Anfang des Kapitels:
Ja, auf dies alles habe ich mein Augenmerk gerichtet und dies alles mir klarzumachen gesucht, dass nämlich die Gerechten und die Weisen mit ihrem ganzen Tun in der Hand Gottes sind. (Prediger 9,1)
Der Verweis auf die Hand Gottes fügt den Überlegungen einen neuen Aspekt hinzu. Es geht nicht nur um das hedonistische Streben danach, die Annehmlichkeiten des irdischen Daseins in vollen Zügen auszukosten. Es ist gut und richtig, das Leben in diesem Sinne als Geschenk Gottes zu feiern und auch zu genießen - aber eben als ein Leben aus Gottes Hand. Er ist es, der mir all diese Möglichkeiten eröffnet, es ist seine Hand, aus der meine Hand gefüllt wird.
Und so ist es auch mit der Kraft, von der in dem späteren Vers die Rede ist: „Alles, was deine Hand findet zu tun mit deiner Kraft, das tu.“ Meine Kraft habe ich nicht aus mir selbst, sondern von Gott. Er schenkt mir die Fähigkeit, Dinge zu tun, er hat mich mit Talenten und Begabungen ausgestattet. Im Bild des Wühltisches ausgedrückt: Von Gott habe ich die Kaufkraft, mir bestimmte Angebote auf dem Wühltisch zu eigen zu machen, und wenn ich auf diese Angebote stoße, sollte ich auch zuschlagen.
Es gibt also nicht nur die Möglichkeit, bestimmte Dinge in meinem Leben zu tun, sondern auch die Notwendigkeit. Der Vers fordert dazu auf, mir bewusst zu machen, mit welcher Kraft ich von Gott beschenkt bin, und nicht zu zögern, diese auch zu nutzen, wenn mir das Leben die Möglichkeit dazu in die Hände spielt. Es ist somit ein Vers, der Mut macht, Dinge anzupacken, Neuanfänge nicht aufzuschieben, Veränderungen zu wagen, gegebenenfalls auch mal unbequem zu sein oder auch Unbequemlichkeiten auszuhalten, wenn es darum geht, den „Schnapper“ meines Lebens zu machen.
Es geht dabei nicht darum, alles um jeden Preis zu machen – im Gegenteil: Es geht darum, verantwortlich mit meinem Leben umzugehen. Und diese Verantwortung besteht mir selbst gegenüber, dass ich mich nicht übernehme oder mir Dinge aufbürde, die mir schaden; die Verantwortung besteht aber auch meinen Mitmenschen gegenüber, dass ich Optionen wähle, die auch für meine Umwelt ein Segen sind; und die Verantwortung besteht nicht zuletzt gegenüber Gott und dem Schatz, den ich von ihm bekommen habe: Dass ich mich seiner würdig erweise und ihn voll zur Entfaltung bringe. Nach diesen Kriterien gilt es permanent die Angebote zu prüfen, die mir auf dem Wühltisch des Lebens in die Hände fallen, damit ich zuschlage, wenn ich das eine Schnäppchen finde, auf dem in großen Lettern mein Name steht.
Amen.