sammlung

Reißt die Türen auf!

Ein Weihnachtslieder-Mix, nicht nur für Weihnachten

„Oh Heiland, reiß die Himmel auf!“ So beginnt ein altes Adventslied. Der Text stammt von dem Jesuiten Friedrich Spee, der im Jahr 1622 gerade sein Theologiestudium beendete, als er den Text drucken ließ. Es ist ein leidenschaftlicher, emotionaler Ruf nach Gottes Eingreifen. In der Fortsetzung heißt es „Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für!“ Spee entwirft ein sehr konkretes, beinahe drastisches Bild, um seinem Wunsch nach göttlichem Beistand Ausdruck zu verleihen. Gott soll die Tür des Himmels nicht nur ein bisschen öffnen, sondern aufreißen, ja sogar abreißen, sodass sie fortan immer offen ist.

Der Wunsch entsteht aus einem Gefühl der Gottesferne heraus. Spee musste miterleben, wie Hunderte Frauen als Hexen angeklagt und hingerichtet wurden. Und er konnte es nicht fassen, dass dies im Namen der Kirche geschah und Gott nicht eingriff. Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass er die Welt seiner Zeit als „Jammertal“ und „Finsternis“ beschreibt und Gott mit Nachdruck auffordert, doch endlich vom Himmel herunterzukommen.

Das Gefühl der Gottesferne verbindet Spee mit dem Volk Israel, dem Jesaja mit einem ähnlich leidenschaftlichen Ruf seine Stimme leiht:
„Uns geht es, als wärest du nie unser Herrscher gewesen, als wären wir nicht nach deinem Namen benannt. Reiß doch den Himmel auf und komm herab, sodass die Berge zittern vor dir“ (Jesaja 63,19).
Auch die Israeliten haben den Eindruck, dass Gott sich von ihnen abgewandt hat und ihnen ihre Abtrünnigkeit niemals verzeihen wird. Sie erleben Krieg und Zerstörung und sehnen sich nach einem Eingreifen Gottes, wie in früheren, besseren Zeiten.

Und wir? Wünschen wir uns nicht auch manchmal ein machtvolles, drastisches Eingreifen Gottes? Dass er sich zeigt, in unsere Welt eintritt und einmal gründlich aufräumt? Zu tun gäbe es genug, wenn man sich nur einmal vor Augen führt, wie viele Kinder jeden Tag durch Krieg oder Hunger sterben. Es gibt so viele himmelschreiende Ungerechtigkeiten in unserer Welt, dass man auch heutzutage leicht das Gefühl bekommen kann, dass Gott sich nicht mehr für uns Menschen interessiert.

Das Problem ist also seit über 2700 Jahren dasselbe geblieben. Doch eines hat sich in der Zwischenzeit seit Jesaja geändert: Gott IST auf die Welt gekommen – er hat dabei allerdings nicht so konkret und drastisch die Türen des Himmels ausgerissen, wie vom Propheten gewünscht und vom Theologen bekräftigt - aber er war da. Als kleines Kind im Stall von Bethlehem, als Mahner und Prediger, als Heiler - und als Opfer menschlicher Willkür und Gewalt.
Und er hat eines Versprochen: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,20). Sollte das Himmelstor also doch schon die ganze Zeit offenstehen? Aber warum merken wir dann nichts davon?

Ich glaube, wir müssen das alte Lied von Friedrich Spee mit einem anderen „Türen-Lied“ der Adventszeit verbinden, um die Antwort zu finden: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit!“ Angenommen, Jesu Botschaft gilt und er ist immer noch bei uns: Was hindert ihn dann, zu uns durchzudringen? Könnte es sein, dass wir es selbst sind? Könnte es sein, dass Gott schon längst getan hat, worum Jesaja und Spee ihn baten? Und dass nun andere Türen geöffnet werden müssen? Wir sollten vielleicht das schöne, fromme „Macht hoch die Tür“ ein wenig umdichten, ein wenig drastischer machen, im Stil von Friedrich Spee: Reißt auf die Türen eures Herzens, Gott ist da! Aber ihr müsst ihn auch reinlassen. Und das nicht nur einmal kurz in einem besinnlichen Moment im Advent, sondern für immer: Reißt ab von euren Herzen Tor und Tür, die ihr so gerne wieder verschließt, wenn die frohe Botschaft unbequem wird und euch selbst in die Verantwortung nimmt. Lasst die Türen eures Herzens auf, auch nach Weihnachten. Redet nicht so viel, macht lieber! Verschließt eure Herzen nicht mit den Riegeln des Zweifels, der Vorschriften und Ausreden, der Zwänge und Notwendigkeiten. Geht einmal wirklich mit offenem Herzen durch die Welt und lasst euch von Gottes Wort leiten.
Dann werdet ihr sehen, dass er schon längst da ist.

Amen.

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