sammlung

Point of no return

Zum Sonntag Laetare

Es gibt bestimmte Punkte in laufenden Prozessen, ab denen eine Umkehr nicht mehr möglich ist, sondern die Dinge so laufen, wie sie nun einmal laufen müssen. Beim Starten eines Flugzeugs ist das zum Beispiel der Punkt, nach dessen Überschreiten der Startvorgang nicht mehr abgebrochen werden kann.

Oft sind es unheilvolle Prozesse, für die man solche Punkte der Unumkehrbarkeit beschreibt. Der Klimawandel ist eines der aktuellsten Beispiele. Die Expertinnen und Experten sind sich nicht ganz einig, wann genau der „Point of no return“ für unsere Erde erreicht sein wird. Aber ziemlich sicher wird es nicht mehr allzu lange dauern, bis die Erwärmung unseres Planeten so weit fortgeschritten ist, dass die Auswirkungen so gravierend sind, dass sie sich verselbstständigen und nicht einmal durch drastische Maßnahmen des Klimaschutzes zurückgenommen werden können.

Auch mit Blick auf das Leben Jesu ließe sich ein solcher „Point of no return“ beschreiben: Irgendwann laufen auch in Jerusalem die Dinge, wie sie laufen müssen, nämlich auf das bittere Ende, den Tod am Kreuz hin. Jesus selbst wird immer deutlicher in den Ankündigungen seines bevorstehenden Todes, so etwa in dem Ausspruch, den Johannes bezeugt:
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh 12,24)

Der Sonntag Laetare fällt angesichts der zunehmenden Verdüsterung auf dem Weg zum Karfreitag ein wenig aus dem Rahmen, fordert er doch zur Freude auf. Freude angesichts eines Prozesses, der unumkehrbar auf den Tod Jesu zuläuft? Das erscheint zunächst widersprüchlich, erhält seinen Sinn aber aus der Auferstehung. Denn wir wissen, dass es die Überwindung des Todes ist, die das eigentliche Ziel von Jesu Leben und Sterben bildet. Und so wirft die österliche Freudenzeit gewissermaßen ihr Licht voraus in die dunkle Passionszeit und beschert uns einen vorgezogenen Freudensonntag.

Um eine solche vorgezogene Freude geht es auch im letzten Kapitel des Jesaja-Buches. Dort kündigt der Prophet die Wiederherstellung Jerusalems an, allen gegenwärtigen Zerstörungen zum Trotz. Er wählt dazu ein hoch spannendes Bild, nämlich das einer Geburt, bezogen auf die Stadt Jerusalem:

„Ehe sie Wehen bekommt, hat sie geboren; ehe sie in Kindsnöte kommt, hat sie einen Knaben geboren. Wer hat solches je gehört? Wer hat solches je gesehen? Ward ein Land an einem Tage geboren? Ist ein Volk auf einmal zur Welt gekommen? Kaum in Wehen, hat Zion schon ihre Kinder geboren. Sollte ich das Kind den Mutterschoß durchbrechen und nicht auch geboren werden lassen?, spricht der HERR. Sollte ich, der gebären lässt, den Schoß verschließen?, spricht dein Gott. Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.“ (Jes 66, 7-10)

Auch bei einer Geburt gibt es so etwas wie einen „Point of no return“. Geburtshelfer*innen würden heute nicht mehr wie Luther vom „Durchbrechen des Mutterschoßes“ sprechen, sondern vermutlich vom Blasensprung oder von der Öffnung des Muttermundes. Doch Fakt ist: Wenn dies einmal geschehen ist, wird man aus der Klinik nicht mehr nach Hause geschickt, denn die Geburt ist im vollen Gange und mit ihr ein Prozess, der unumkehrbar und unweigerlich auf das vorbestimmte Ziel hinausläuft. Und genau darauf nimmt Jesaja hier Bezug, um anzukündigen, dass Gott Jerusalem rasch wieder beleben und wachsen lassen wird. Für Gott ist der „Point of no return“ längst überschritten: Er will und wird den Prozess der (Wieder) Geburt des Volkes Israel nicht rückgängig machen, sondern zu seinem Wort stehen. Gottes Versprechen soll trösten und Vorfreude machen: Es wird gut werden, auch wenn es momentan noch nicht danach aussieht.

Dieser Gedanke verbindet Jesajas Heilsankündigung für das Volk Israel mit der Ankündigung der Verherrlichung Jesu – und er lässt sich auch auf unser heutiges Leben beziehen: Gerade heute haben wir oft den Eindruck, dass die Dinge sich unweigerlich auf ein schlechtes Ende hinbewegen: Die Kriege in der Welt werden immer mehr statt weniger, immer größer wird die Zahl der Menschen, die in Not und Elend leben, der Klimawandel schreitet immer weiter voran, alles wird immer schneller, lauter, extremer….

Gott setzt dem eine einfache Aufforderung entgegen: Freut euch! Freut euch, weil ich schon längst einen anderen Prozess begonnen habe, der unumkehrbar zum Guten läuft. Mein Ja zu euch ist stärker als jedes Nein, das ihr auf dieser Welt hören werdet, mein Heilsversprechen wiegt jede Zerstörung auf, mit der ihr konfrontiert werdet, die Geburt, die ich euch ankündige, ist stärker als jeder Tod, den ihr erleiden könnt.

Das ist groß. Vielleicht auch fast zu groß, um es angesichts der realen Nöte wirklich glauben zu können. Doch am Beispiel Jesu macht Gott deutlich, dass er es wirklich ernst meint. Er kehrt den Prozess menschlicher Gewalt, der den Menschen Jesus unaufhaltsam in den Tod zu führen scheint, um, indem er Jesus den Tod überwinden lässt.

Daraus können wir Trost und Mut schöpfen: Für Gott ist nichts unumkehrbar außer seinem Versprechen, dass er an unserer Seite bleibt und uns zum Guten führen wird. Das sollte uns nicht zur Gleichgültigkeit veranlassen gegenüber den unheilvollen Prozessen, die auf unserer Welt gerade laufen. Vielmehr soll uns die Freude über Gottes unumkehrbare Zusage stärken, aufzustehen und mit unserer kleinen Kraft den anderen vermeintlichen Unumkehrbarkeiten unseres Lebens zu trotzen.

Gott begleitet uns dabei, das ist sicher. Und das Tolle ist: Auf diesem Weg gibt es tatsächlich kein Zurück, welche Windungen er auch im Einzelnen nehmen mag. Den „Point of no return“ haben wir nämlich längst ohne eigenes Zutun überschritten, als Gott uns als seine Kinder annahm.

Amen.
Bibelstellen zur Andacht:
Jes 66,7 - 10

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