Packesel reloaded
Mein Leben als Lastenträger
Wer kennt noch das Spiel „Packesel“? Es ist ein Geschicklichkeitsspiel für Kinder, bei dem man einzelne dünne Holzstäbchen auf dem Rücken einer Eselfigur aufstapeln muss, ohne dabei den Turm zum Einsturz zu bringen.
Ich habe diesen Holz-Esel vor Augen, wenn ich Jesu Worte bei Matthäus lese:
„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Mt 11,28).
Und ich stelle mir für einen Moment vor, ich selbst wäre dieser Esel und die Stäbchen all das, was auf meinen Schultern lastet: All die von außen oder selbst auferlegten Regeln und Zwänge, all die berechtigten oder unnötigen Sorgen und Zweifel, all die Verpflichtungen und Verbindlichkeiten, all die Scham- und Schuldgefühle.
Vielleicht schaust du selbst auch einmal, welche Lasten dieser Art du zu tragen hast – und wenn du tatsächlich ein Packesel-Spiel zu Hause hast, hol es doch mal raus und nimm die Stäbchen in die Hand. Jedes einzelne steht für einen Satz, eine Regel, eine Sorge, die auf deinen Schultern liegt.
„Du musst gute Leistungen bringen, um etwas wert zu sein.“ „Du musst für deine Familie da sein und dich gleichzeitig auch im Job voll reinhängen.“ „Du sollst nicht zu selbstbewusst auftreten, halte dich lieber zurück.“ „Sei nicht so laut.“ „Du musst alle Mails innerhalb von 24 Stunden beantworten.“ „Du darfst nicht so viel essen, damit du nicht zu dick wirst.“ „Du musst den Garten in Schuss halten, sonst reden die Nachbarn.“ „Schon wieder Urlaub - Hast du das eigentlich verdient?“ „Du schreibst eigene Texte – Hast du denn überhaupt etwas zu sagen?“ „Du darfst dich nicht zu körperbetont kleiden.“ „Geh lieber kein Risiko ein.“ „Du musst immer mit frischem Gemüse kochen.“ „Mag meine Freundin mich noch?“ „Bin ich gut genug, um hier mitzumachen?“… Staple all diese (oder eben deine eigenen) Stäbchen mal aufeinander – Hält der Turm bis zum Ende oder stürzt er schon vor Vollendung zusammen?
Jesus spricht: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Das heißt mit anderen Worten: Gebt mir die Stäbchen, jedes Einzelne, ihr müsst sie nicht tragen, ich nehme sie euch ab. Jesus bietet denen, die ihm folgen wollen, eine unglaubliche Entlastung an, denn er begegnet uns ganz anders, als wir es von anderen Lehrern oder „Influencern“ gewohnt sind: nicht, indem er uns neue Regeln und Zwänge auferlegt, sondern, indem er uns Lasten von den Schultern nimmt:
„Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“ (Mt 11,29-30).
Im historischen Kontext sind wohl die religiösen Lehrer gemeint, die allzu strenge Regeln auferlegen, doch wir können diese Feststellung auch auf unseren heutigen Alltag übertragen. Denn Jesu Worte haben auch für uns ihre Gültigkeit nicht verloren. Man könnte sie vielleicht so umformulieren: Lass dich nicht einengen von dem, was dir Lehrer, Eltern, Vorgesetzte, Freunde, Influencer, Werbung etc. an Regeln und „Glaubenssätzen“ aufdrücken. So viele wollen, dass du ihnen folgst, dass du gehorchst, funktionierst, Verhalten kopierst, nachahmst, Ziele erreichst, angepasst, schön und erfolgreich bist. Doch du verlierst dabei das eigentlich Wichtige aus dem Blick. Wie viel von diesen Sätzen hält deine Seele aus, ohne zerdrückt zu werden?
Auch Jesus lädt zur Nachfolge ein, aber anders. Er sagt: Bei mir bist du geliebt, so wie du bist. Dafür musst du nichts Besonderes tun. Bei mir darfst du einfach sein. Ich will dein Lehrer sein, aber ohne dich zu belasten. Ich sehe dich an und schaue, was du brauchst, ich sehe, wie sehr du dich bemühst. Ich will, dass es dir gutgeht und dass du deine Seele in all ihren schillernden Farben entfalten kannst. Ich will, dass du Frieden findest. Dafür bin ich bereit, all das zu übernehmen, was auf dir lastet. Ich trage es für dich.
Dieses Versprechen berührt mich. Und ich nehme – im Geiste oder real – jedes einzelne Stäbchen, jede einzelne Sorge und Last, von meinem imaginären Esel-Rücken und lege sie in Jesu Hände. Das tut richtig gut. Ich spüre, wie sich meine Esel-Schultern heben, weil viel weniger Gewicht auf ihnen liegt, wie sich mein Kopf aufrichtet und mein Blick weitet. Ich kann mich ganz anders bewegen, körperlich wie geistig, entdecke Dinge, Eigenschaften an mir, die mir bisher gar nicht aufgefallen sind. Ich erkenne in meiner Eselshaut, dass ich mehr sein kann als ein Lastenträger, viel mehr, dass ich zu einem anderen Leben bestimmt bin. Ich spüre eine neue Leichtigkeit und eine unglaubliche Dankbarkeit gegenüber dem, der mich mit so viel Liebe und Sanftmut von all den Lasten befreit, indem er sich selbst zu einem – zu meinem - Packesel macht.
Und ich hoffe, dass dieses Bewusstsein und dieses Gefühl der Entlastung mich weit über mein Gedankenexperiment hinaus bis in die Menschenwelt und in meinen realen Alltag hinein trägt, dass ich mich auch ohne den Holz-Esel in der Hand an Jesu Worte und sein Versprechen erinnern und erleichtert leben kann.
Danke, Jesus, dass du meine Lasten für mich trägst!
Amen.
Bild Quelle:
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