sammlung

Mein Ruhepol

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. (Psalm 62,2)

Ich mag diesen Vers sehr, vor allem das kleine Wort „zu“. Diese Präposition macht die Formulierung besonders. Es ist nicht die Rede von einer Stille BEI Gott oder IN Gott, still werden VOR Gott können wir uns auch noch vorstellen… Aber "still ZU Gott" ist eine Wendung, die von unserem normalen Sprachgebrauch abweicht - und gerade dadurch wird sie so interessant. Die Präposition „zu“ gibt eine Richtung an, „still zu Gott“ heißt also: still in seine Richtung, auf ihn hin. Die Formulierung verbindet auf diese Weise eine Vorstellung der Bewegung, der Ausrichtung auf etwas, mit einer Vorstellung der Ruhe und des Stillstands.

Diese Besonderheit regt mich zum Nachdenken an. Ich lasse meine Gedanken ein wenig schweifen und stelle mir meine Seele als eine Art Kompassnadel vor, ganz leicht gelagert irgendwo in meinem Zentrum, aber doch frei beweglich in alle Himmelsrichtungen. Diese Nadel, meine Seele, richtet sich allerdings nicht nach dem Magnetfeld der Erde aus, da bin ich mir sicher. Nein, ich denke, sie sucht nach Ausrichtung. Sie dreht sich, probiert verschiedene Positionen aus, welche sich richtig anfühlt. Es gibt unterschiedliche Faktoren, die sie zu beeinflussen versuchen, einige zerren heftig an ihr, wollen sie auf ihre Richtung hin festlegen. Manche zwischenmenschlichen Beziehungen entwickeln solche Kräfte, dass sie die Seele in ihren Bann ziehen. Man ist dann gewissermaßen auf jemand anderen gepolt. Das kann sich gut anfühlen und der Seele Halt geben, es kann sich aber auch wandeln, wenn die Beziehung in die Brüche geht oder zu sehr vereinnahmt. Dann reißen Kräfte an der Nadel, die sie aus der Ruhe bringen.
Ähnlich verhält es sich mit bestimmten Zielen, Idealen und Träumen. Sie können mich ganz in Beschlag nehmen und das kann mich erfüllen und mir eine Perspektive und Richtung geben. Ich bin dann mit Herz und Seele bei der Sache. Aber wenn Träume platzen oder sich bestimmte Ideale als Täuschungen erweisen, dann kann das die Seele auch heftig ins Wanken bringen.

Der Psalmbeter macht ähnliche Erfahrungen: „Aber Menschen sind ja nichts, große Leute täuschen auch; sie wiegen weniger als nichts, so viel ihrer sind. Verlasst euch nicht auf Gewalt und setzt auf Raub nicht eitle Hoffnung; fällt euch Reichtum zu, so hängt euer Herz nicht daran.“ (Psalm 62,10-11)

Eitle Hoffnungen, Hoffnungen, die zum Scheitern verurteilt sind, weil sie sich auf Unbeständiges gründen – wir kennen viele Beispiele dafür aus unserem Leben: Geld und Reichtum gehören dazu, berufliche Ziele, das Streben nach Macht und Einfluss, Erfolg und Karriere, Fitness und Schönheit. All diese Dinge ziehen und zerren an unserer Seele, wollen sie auf sich hin ausrichten und bringen sie dabei mitunter aus dem Gleichgewicht.

Da ist es gut, einen Ruhepol zu haben, auf den die Seele sich ausrichten kann. In der Ausrichtung auf Gott hin findet meine Seele wirklich Ruhe, weil Gott nicht an ihr zerrt, sondern sie sein lässt und ihr Halt gibt, sie heil macht und ihr guttut.
Der Psalmbeter formuliert es so: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewiss nicht wanken werde.“ (Psalm 62, 2-3)

Wieder habe ich meine Kompassnadel vor Augen: Dieses zarte, schwankende Gebilde, das nach Richtung sucht.
Gott gibt ihr Richtung, bei ihm kommt sie zur Ruhe, steht still, stille zu Gott, nämlich in der Ausrichtung auf ihn.

Doch was kann das konkret heißen, sich ausrichten auf Gott?

Ich glaube, es bedeutet erst einmal, sich auf Gott einzulassen, zuzulassen, dass er mit seinen Kräften auf mich und mein Leben wirkt. Hinspüren, was es für mich bedeutet, von Gott geliebt zu sein, was dieses Bewusstsein mit mir macht. Wahrnehmen, wo Gott in meinem Leben wirkt, wie er für mich sorgt.

Ausgerichtet auf diesen Ruhepol begegne ich den Dingen um mich herum anders. Ich lerne Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die wichtigen Dinge bedeuten mir weiterhin viel, ich kann mich voll in eine Sache reinhängen, ich kann Menschen aus ganzem Herzen lieben - aber ich tue es auf der Basis der Liebe Gottes, die mich selbst trägt und meiner Seele Halt gibt. Meine eigene Liebe wird dadurch tiefer, weil sie einen festen Grund hat. Und andererseits können Enttäuschungen und Zwischenfälle meine Seele nicht mehr so leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Ich bleibe immer bei mir, weil ich bei Gott bleibe. Und ich kann dadurch im Extremfall sogar Menschen lieben, die mich hassen, so wie Jesus es gelehrt hat.
Durch die Ausrichtung auf Gott bekommt meine Seele eine unglaubliche Stärke. Sie bleibt beweglich, aber sie ist kein Fähnchen im Wind mehr.
Und wie das Magnetfeld der Erde ist Gottes Liebe immer schon da. Aber ich muss mich dafür entscheiden, ihre Kräfte auf mich wirken zu lassen.

Guter Vater, bitte schenke meiner Seele Richtung und Ruhe.
Amen.
Bibelstellen zur Andacht:
Psalter 62,2 - 11

0 Kommentare