Mehr Fragen als Antworten
Eine Andacht aus der Nerdchruch.
Mehr Fragen als Antworten.
Ja, ich bin alt. Nächstes Jahr steht mein 50ster Geburtstag an, ich bin also definitiv in der zweiten Lebenshälfte angekommen. Nur um das mal einzuordnen.
Und ich arbeite nun seit gut 25 Jahren für die Kirche bzw ihr eng verbundenen Werke. Dabei habe ich immer im weitesten Sinne Bildungsarbeit gemacht. Also habe ich mich nicht selten gefragt, wie kann ich das ein oder andere verstehen und es an vor allem junge Menschen gut weitergeben. Da sollte man doch meinen, ich hätte ein paar kluge Antworten.
Wenn ich mir aktuell die Social Media Bubble anschaue, wo Menschen, die viel jünger sind als ich, theologische „Wahrheiten“ verkünden, müsste ich doch in meinem Glauben und in meinen theologischen Überzeugungen gefestigt sein? Natürlich habe ich kein Theologie studiert und Lebensalter ist keine Qualifikation, aber irgendwas sollte doch bei mir hängen geblieben sein?
Aktuell schaue ich auf ein halbes Leben zurück. Und ich begleite meine Kinder jeden Tag auf dem Weg in ihr Leben. Ich höre ihre Fragen und hoffe, dass meine Antworten ihnen irgendwann hilfreich sein können. Und ich sehe, wie sie sich trotz meiner doch so klugen Ratschläge selbst ausprobieren müssen.
Auf welche Fragen – vor allem theologische- kann ich also eine Antwort geben? Es sind sehr wenige. Denn immer, wenn ich eine Antwort versuche, rinnt sie mir wie Sand durch die Händen. Oft sehe ich aus verschiedenen Blickwinkeln auf eine Frage und kann gleich drei Antworten geben, die alle richtig aber nicht zueinander konsistent sind.
Mein Glauben steht also auf sehr wackeligen Füssen. Und das – ich muss es ehrlich gestehen- beruhigt mich. Warum? Weil der G*tt, der mich mein Leben lang begleitet und liebt nicht erfassbar ist. Jedes Mal, wenn ich mir einbilde, etwas verstanden zu haben, kommt eine Überraschung um die Ecke. Jedes Mal, wenn ich endlich die Antwort auf eine theologische Frage gefunden zu haben glaube, gibt es ein „Ja, schon, aber…“ was meine Selbstgefälligkeit aufzeigt.
Im Moment habe ich mehr Fragen an G*tt, Glaube und Kirche als jemals zuvor in meinem Leben. Diese Fragen haben sich geändert. Das, was mir vor zwanzig Jahren wichtig war, ist heute in den Hintergrund gerückt. Und so wird es wohl weitergehen. Und zu den Fragen gehört auch das Suchen nach Antworten. Auch das geht immer weiter.
Vielleicht ist ja genau das, was Paulus meint, als er schrieb: „Ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen“. (Rö8,16 LUT) Das wir in unserem Lebensweg mit G*tt eben niemals mehr werden können als Kinder, die staunend in einer Welt stehen. Und die Fragen haben, sich ausprobieren und Fehler machen.
Am Ende weiß ich, dass die letzte Antwort auf meine Fragen, erst dann gegeben wird, wenn ich mein Leben auf dieser Welt abschließe. Bis dahin habe ich hoffentlich noch viel Zeit, um Fragen zu stellen und den Antworten nachzuspüren. Das beruhigt mich.