Lieber Orangenhaut...
...als gar kein Profil
Diese Zeile stammt aus einem Lied der norddeutschen Sängerin, Kabarettistin und Moderatorin Ina Müller. Darin singt sie über schöne junge Frauen, die zwar glatte Haut und große Pläne, aber dafür keine eigene Meinung, keine Erfahrung und eben kein Profil haben. Deshalb möchte sie bei allen Vorzügen der Jugend nie wieder 18 sein, auch wenn das bedeutet, sich mit Falten und Orangenhaut abfinden zu müssen.
Es gibt so Tage, da schaut man zurück auf das eigene Leben und überlegt, was gut gelaufen ist, was nicht so gut, wo es Täler gab, wo Höhepunkte, welche Ziele man erreicht hat, welche Niederlagen man einstecken musste. Und dann stellt man (nicht erst im hohen Alter) fest, dass das Leben keineswegs immer glatt und auf ebener Bahn verläuft. Das ist völlig normal.
So erkennt auch der Psalmbeter:
Du lässest mich erfahren viel Angst und Not und machst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde. Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder. (Psalm 71,20-21)
In jedem Leben gibt es gute und schlechte Phasen, Berge des Erfolgs und Täler der Not. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Und eine zweite Frage schließt sich an: Was bedeutet es für meine Beziehung zu Gott, wenn es in meinem Leben auch mal bergab geht? Kann ich trotzdem an einen starken und mir zugewandten Gott glauben?
Vielleicht hilft es, die Frage einmal umzudrehen: Wo hätte ich denn Gelegenheit, Gottes Kraft und Hilfe zu erfahren, wenn es keine Tiefen in meinem Leben gäbe? Zu einer wirklich tiefen (!) Beziehung gehört beides dazu, sie bekommt erst dann Profil, wenn sie sich auch in Anfechtung bewährt. Entsprechend dankt der Psalmbeter Gott für beides, die Höhen und die Tiefen, die Angst und Not und das Wieder-Hochholen.
Profil geht nicht ohne Tiefen. Ein Reifen ohne Einkerbungen und Rillen hat kein Profil. Damit wird man weder bei Nässe noch auf unebener Bahn sicher fahren können. Ich möchte eine Beziehung zu Gott, die Profil hat, die wirklich intensiv und eng ist und die trägt. Ich möchte ganz vertraut mit ihm sein, mich richtig auf ihn verlassen. Und, so absurd es klingt: Dazu muss ich wohl zuallererst loslassen. Ich muss mich verabschieden von dem Wunschbild eines Gottes, der mir alle Hindernisse vorausschauend aus dem Weg räumt und mich auf ebener Bahn durchs Leben schweben lässt. Und dann kann ich mich freuen über einen Gott, der bei mir ist und mich hält, wenn ich falle, und der mir hilft, wieder aufzustehen. Gott ist kein Gott, der seine Macht nur im Sonnenschein des Lebens demonstriert, sondern ein Gott, der sich auch in den Tiefen bewährt. Er ebnet die Falten und Kerben nicht ein, sondern geht mit mir hindurch. Dafür ist er sich nicht zu schade.
Und aus dieser Erfahrung kann ich auch eine Zuversicht für die Zukunft entwickeln: Ich gewinne die Sicherheit und Überzeugung, dass Gott auch weiter an meiner Seite sein wird, dass es kein Loch und kein Tal in meinem Leben geben wird, das mich von Gott trennen kann – nicht einmal am Ende meines Lebens: Gott wird nicht verhindern, dass ich irgendwann sterbe. Aber er wird dafür sorgen, dass auch dieses Tal nicht das Ende unserer Beziehung ist.
Guter Vater, danke für die Orangenhaut meines Lebens.
Amen.
Lied: Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt…