sammlung

Kummer gehört dazu

"Alles steht Kopf" mit Gottes Hilfe

Ein Leben ohne Kummer, das wäre traumhaft schön: Jeden Tag fröhlich und frei durchs Leben gehen, „happy ever after“, wie im Märchen – oder?! Würde uns nicht vielleicht doch etwas fehlen auf Dauer? Ich glaube, ein bisschen Kummer gehört einfach dazu, erstens weil ein Leben völlig ohne Kummer praktisch unrealistisch ist, und zweitens, weil Kummer unser Leben auch bereichern und stärken kann.
Das mag jetzt für jemanden, der gerade ganz konkret bekümmert ist, sarkastisch klingen. Schließlich ist Kummer ja kein wirklich schönes Gefühl, er macht das Herz schwer, nimmt uns den Blick für das Schöne im Leben, lässt uns einsam und hilflos dastehen.
Doch Kummer zu erleben macht uns auch erst zu dem, was wir sind, nämlich zu emotional komplexen Wesen. Ähnlich wie uns im Schlaraffenland irgendwann die Süßigkeiten aus den Ohren herauskommen und gewaltig anwidern würden, weil wir uns nicht mehr an ihnen erfreuen könnten, so würde es wohl auch einem Leben in reiner Freude langfristig an Würze fehlen.

Ich muss bei diesen Überlegungen an den Animationsfilm „Alles steht Kopf“ denken. Darin geht es um die elfjährige Riley und die Emotionen, die ihr Leben steuern: Freude (gelb), Kummer (blau), Angst (lila), Wut (rot) und Ekel (grün). Die anthropomorph dargestellten Emotionen sitzen im Kontrollzentrum ihres Gehirns und steuern ihr Leben, verwalten aber auch die Erinnerungen und gestalten ihre Persönlichkeit. Als Riley mit ihren Eltern umzieht, gerät in ihrem Kopf einiges durcheinander. Kummer, die blaue Frau mit der Brille und dem Wollpullover, übernimmt zeitweise allein die Kontrolle, was sich zuvor bisher hatte vermeiden lassen, und bringt die Kommandozentrale in Aufruhr. Es beginnt eine abenteuerliche Reise durch Rileys Erinnerungen, um ihre Persönlichkeitsinseln vor dem Einsturz zu bewahren. Am Ende steht die Erkenntnis, dass es ohne Kummer nicht geht. Die stets tatkräftige und optimistische Freude sieht ein, dass sie Kummer ans Ruder lassen muss und nur mit ihr gemeinsam Riley helfen kann. Kummer ist es, die es schafft, dass Riley zu ihren Eltern zurückkehrt und ihnen alles erzählt. Der geteilte Kummer von Eltern und Kind stärkt ihre Bindung, so wie es Freude allein nicht geschafft hätte. Es entstehen neue Kernerinnerungen, die halb blau, halb gelb gefärbt sind, und ein komplexeres Schaltpult wird installiert.

Was hat das jetzt alles mit Gott zu tun? Kummer zu erleben festigt auch unsere Beziehung zu Gott. Denn nur so können wir seinen Trost erfahren. „Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten meine Seele“, heißt es im Psalm 94,19. Wir können erleben, wie tröstlich es ist, unser Herz bei Gott auszuschütten. Jeder hat wohl schon einmal erlebt, wie es sich anfühlt, wenn man vor lauter Kummer nicht mehr weiterweiß. Wir können uns in solchen Momenten an Gott wenden - und vielleicht einfach weinen, das ist in Ordnung. Und so schrecklich sich das anfühlt, ist es doch hinterher auch irgendwie schön, man fühlt sich besser, irgendwie gereinigt. Ich kann meinen Kummer leichter ertragen, wenn ich weiß, dass Gott an meiner Seite ist. Er sieht mich, wenn ich so traurig dasitze, ich bin nicht allein. Der Kummer muss irgendwo raus, dann wird es besser. Gott ist ein guter Tröster, denn er hat unendliche Geduld, er redet die Sorgen nicht weg, er nimmt sie einfach. Und manchmal können wir auch erleben, wie Gott ganz konkret für uns sorgt, indem er uns jemanden schickt, der uns zuhört, gemeinsam nach Auswegen sucht oder uns vielleicht einfach mal in den Arm nimmt.

Wenn ich also die Erkenntnis zulasse, dass Kummer zu meinem Leben gehört, dann kann ich positiv mit ihm umgehen. Ja, ich bin manchmal traurig, und ja, manchmal weiß ich noch nicht einmal, warum. Aber ich habe jemanden, bei dem ich den Kummer abladen kann, der ihn mit mir trägt, und dann ist er nicht mehr so schwer, sondern bereichert mich vielleicht sogar.

Guter Vater, es klingt vielleicht verrückt, aber: Danke für den Kummer in meinem Leben, und vor allem danke, dass Du ihn mit mir trägst.
Amen.

Bibelstellen zur Andacht:
Psalter 94,19 - 19

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