sammlung

Im Kreißsaal

Gottes mütterliche Seite

Der Kreißsaal hat seinen Namen von dem mittelhochdeutschen Wort „krizen“, das so viel wie „kreischen“ oder „gellend laut schreien“ bedeutet. In der Vorbereitung auf die Geburt meines ersten Kindes konnte ich mir nur schwer vorstellen, dass ich diesen Raum seinem Namen entsprechend nutzen würde. Zu groß war das Schamgefühl und der Wunsch, selbst in dieser Ausnahmesituation die Kontrolle und die Selbstbeherrschung zu behalten. Ich fragte mich auch, ob ich das überhaupt könnte, so zu schreien, wie man es manchmal in Geburtsberichten oder Filmszenen sieht, schließlich ist man ja dazu erzogen worden, immer gemäßigt und still zu sein… - Ich wurde eines Besseren belehrt.

Unter der Geburt kommt vermutlich jede Frau an den Punkt, an dem sie das Gefühl hat, dass es nicht mehr geht, und zwar nicht nur „ein bisschen nicht mehr“, sondern überhaupt gar nicht mehr. Man erreicht einen Punkt, an dem man sich existentiell bedroht fühlt. Gleichzeitig weiß man aber auch, dass man die Geburt nicht einfach absagen und nach Hause gehen kann, sondern dass man da durchmuss. Es bleibt einem also nichts anderes übrig als „all in“ zu gehen und auch die letzten Reserven der Selbstbeherrschung in Kraft umzuwandeln, die Angst davor, dabei zu Grunde zu gehen, in einen finalen Energieschub umzukehren. Ausdruck dessen sind dann in den allermeisten Fällen Schreie, die man selbst von sich noch nicht gehört hat, und die auch die anwesenden Partner häufig schockieren, weil sie sich überfordert und ohnmächtig fühlen.

Bei Jesaja findet sich ein Wort Gottes, das an eine solche Geburtsszene erinnert:
„Ich schwieg wohl eine lange Zeit, war still und hielt an mich. Nun aber will ich schreien wie eine Gebärende, ich will keuchen und nach Luft schnappen.“ (Jes 42,14)

Es sind drastische Bilder, mit denen Gott hier seinen zukünftigen Einsatz für das Volk Israel beschreibt – und es sind ungewohnte Bilder. Wir begegnen Gott im Alten Testament häufig als einem starken Führer, einem machtvollen Herrscher oder einem zornigen Rächer, alles sehr männliche Äußerungsformen von Kraft und Stärke. An dieser Stelle nun zeigt Gott sich von einer anderen, einer weiblichen Seite. Es geht auch hier um einen Kraftakt, aber dabei handelt es sich um eine neue Form von Kraft. Es ist die Kraft der Gebärenden, eine Kraft von existentieller Tiefe, die den eigenen Untergang riskiert und sich dabei selbst übersteigt.

Die Israeliten haben im babylonischen Exil lange gewartet auf Gottes Hilfe, viele haben die Hoffnung bereits aufgegeben und sich anderen Göttern zugewandt. Gott gesteht diese vorübergehende „Funkstille“ ein, und stellt dem nun ein umso kraftvolleres Versprechen entgegen. Er will alles in Bewegung setzen für sein Volk – und hier kommen auch wieder die gewohnten männlichen Bilder der Stärke: „Ich will Berge und Hügel zur Wüste machen und all ihr Gras verdorren lassen und will die Wasserströme zu Inseln machen und die Teiche austrocknen“ (Jes 42, 15). Doch diesen Worten geht das etwas andere, das weibliche Versprechen voran, sich wie eine Gebärende mit aller Kraft dem beschriebenen Vorhaben hinzugeben.

Und es sind gerade diese Worte, die mir persönlich besonders nahegehen, nicht nur aufgrund meiner eigenen Geburtserfahrung. Sie ergänzen mein Bild von Gott um eine unglaublich wichtige Facette. Denn Gott ist eben nicht nur der starke Mann, der mehr oder weniger unbeteiligt seine Kraft einsetzt, um seinen Willen durchzusetzen. Er zeigt sich stattdessen verletzlich, lässt das Schicksal seines Volkes ganz nah an sich heran – so nah, dass er seine ganze Existenz daran knüpft.

Wenn wir dieses Versprechen auf uns selbst beziehen – und dazu lädt der Vers uns ein – dann bedeutet das: Gott ist bereit, sich für mich verletzlich zu machen und die aus dieser Verletzlichkeit gewonnene Kraft für mich einzusetzen. Er nimmt mich an als sein Kind und zwar in aller Konsequenz, und das bedeutet nichts anderes als: in der Rolle der Mutter. Gott ist bereit, wie eine Gebärende alles für mich zu geben, sich ganz hinzugeben. Dass er das ernst meint, zeigt sich im Leben und Sterben seines Sohnes, in dem Gott Mensch wird und den er hingibt, um mich, sein Kind, zu retten. Die unfassbare Größe dieser Zusage lässt mich immer wieder von Neuem staunen.

Guter Vater, danke für deine kraftvolle, deine hingebungsvolle, deine mütterliche Liebe.
Amen.
Bibelstellen zur Andacht:
Jes 42,14 - 15

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