sammlung

Ich sammle Farben für den Winter …

Von der Kraft der Erinnerung

„Achte gut auf dich und deine Seele, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben.“
(5. Mose 4,9)

Gerade noch schufteten sie unter der Last der Ziegelsteine, die sie für die prächtigen Bauten der Reichen formen und transportieren mussten. Sie hatten keine Rechte, keinen Ausweg, keinen Raum für Hoffnung. Doch nun, von Gott befreit, gehen sie ihren Weg in eine ungewisse Zukunft. Die Wüste, durch die sie ziehen, ist weit, karg und voller Herausforderungen. Es ist eine Zeit des Durchhaltens, in der Zweifel aufkommen: War es in der Vergangenheit nicht doch besser? Hätte man vielleicht in der alten, bekannten Sklaverei mehr Sicherheit gehabt?
„Achte gut auf dich und deine Seele, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben“, rät Mose den Israeliten in dieser Lebenssituation nach dem Auszug aus Ägypten. Er erinnert sie daran, dass sie durch die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten eine tiefgreifende Veränderung erlebt haben. Seine Botschaft: Die Erinnerung an die Wunder, an die Befreiung durch Gott, kann eine Kraftquelle für die Zukunft sein. In den düsteren Zeiten, in den Nächten, in denen das Licht fern scheint, können uns die Erfahrungen der Vergangenheit tragen. Sie geben Zuversicht, dass nach der Nacht ein neuer Morgen kommt. Nach dem kalten Winter ein neuer Frühling und Sommer.
Der Ratschlag des Mose an die Israeliten erinnert mich an die Geschichte von Frederick, der kleinen Maus aus dem Kinderbuch von Leo Lionni. Während die anderen Mäuse im Sommer und Herbst fleißig Vorräte für den Winter sammeln, sitzt Frederick still auf einem Stein und schaut in den Himmel. „Warum arbeitest du nicht?“, fragen die anderen. Doch Frederick antwortet: „Ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten, dunklen Wintertage. Ich sammle Farben, denn der Winter ist grau.“
Als der Winter dann tatsächlich kommt und die Vorräte aufgezehrt sind, sind die Mäuse mutlos und erschöpft. Da erinnert Frederick sie an das, was er gesammelt hat. Er erzählt ihnen von den Sonnenstrahlen, sodass es ihnen warm ums Herz wird. Er beschreibt ihnen die Farben des Sommers, sodass sie innerlich fröhlich werden. Und mit seinen Worten schenkt er ihnen Freude, Trost und Hoffnung.
Nichts anderes meint im Grunde auch Mose: „Achte gut auf dich und deine Seele, dass du nicht vergisst, was deine Augen gesehen haben.“ Was hast du im Sommer und in deinem Leben bisher an Gutem und Stärkendem gesammelt? Welche Farben, welche Erlebnisse, welche Glücksmomente trägst du in dir für die kommende Jahreszeit mit kürzeren Tagen und längeren Nächten? Und für die Wüstenmomente, in denen das Leben schwer sein kann?
Vielleicht war es ein stimmungsvoller Sonnenuntergang, ein besonders intensives Gespräch mit einem Freund oder ein entspannender Spaziergang in einer wunderschönen Landschaft.
Ich selbst erinnere mich an die letzten Wochen, in denen ich auf dem Weg zur Arbeit an goldenen Kornfeldern vorbeifuhr. Besonders in den frühen Morgenstunden und am Abend schimmerte das reife Getreide im Licht der tief stehenden Sonne. Oder an einem langen Abend mit lange nicht gesehenen Freundinnen und Freunde, an dem wir gar nicht aus dem Erzählen herauskamen. Diese Momente waren magisch – ein Innehalten, ein Dank an die Schönheit, den Reichtum des Lebens und die Vorsorge der Schöpfung.
Diese Erinnerungen nehme ich mit in die dunkle Jahreszeit. Sie sind wie Fredericks gesammelte Sonnenstrahlen und Farben. Sie wärmen mich von innen und lassen mich hoffnungsvoll nach vorne blicken.
Und ich nehme noch etwas mit: Das Wissen, dass ich bereits durch manche Wüstenzeit in meinem Leben hindurchgegangen bin. Dass auch ich, wie die Israeliten, Momente des Zweifelns und der Unsicherheit überstanden habe. Doch diese Wüstenzeiten haben mich gestärkt und mir den Weg in eine neue Zukunft gezeigt.
Es ist leider nicht immer so, aber doch möglich, dass nach einer Wüste ein neues Land auf dich wartet. Nach einem kalten und trüben Winter ein neuer Frühling. Erinnerungen sind wie Sonnenstrahlen und Farben, die wir bereits gesehen haben, um auf dem Weg dorthin aus der Hoffnung zu leben und neue Kraft zu schöpfen. Erinnerungen tragen uns durch die Wüstenzeiten des Lebens.

Gebet: „Lobe Gott, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Psalm 103, 2

Christian Uhlstein, Landesjugendpfarrer der EKvW
Bibelstellen zur Andacht:
5.Mose 4,9 - 9Psalter 103,2 - 2

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