sammlung

Ich lass dich nicht los...

Vom Ringen mit Gott

Es gibt Kämpfe, die muss man einfach gewinnen. Annas Diagnose: rezidivierendes Hodgkin-Lymphom – Hochdosis-Therapie mit Stammzelltransplantation – „Meine Freunde nennen mich ‚Lioness‘, weil ich wie eine Löwin gekämpft habe“ – Seit einem Jahr ist sie krebsfrei, aber die Angst vor einem Rückfall bleibt. Anna plant ein Tattoo: eine Löwin in einem Wildblumenkranz auf ihrem Oberschenkel. Es gibt Kämpfe, die muss man einfach gewinnen.

Manche Krebspatient*innen trägt die tiefe innere Überzeugung, dass sie den Kampf gewinnen werden, teilweise auch gegen jede medizinische Prognose. Doch auch in anderen Lebenssituationen muss man manchmal solche Kämpfe führen, die einfach nicht verloren werden dürfen: Kämpfe um eine Beziehung, eine Ehe, eine Freundschaft, Kämpfe für bestimmte Ideale oder Träume – weil es einfach keinen „Plan B“ gibt.

Auch in der Bibel wird ein solcher Kampf beschrieben:
Jakob befindet sich in einer schwierigen Lage. Er rüstet sich zum Kampf um die Vergebung seines Bruders Esau. Er hat ihm Unrecht getan, ihn um den Segen des Erstgeborenen betrogen. Und deshalb musste er fliehen vor dem Zorn seines Bruders. Doch Gott ermutigt ihn, zurückzukehren. Jakob ist entschlossen, seinen Bruder um Vergebung zu bitten, aber er ist auch voller Angst. Die Annäherung der beiden Brüder zeigt diese Zwiespältigkeit sehr deutlich. Jakob schickt Leute mit Geschenken voraus, doch dann bekommt er die Nachricht, dass auch Esau ihm mit einem großen Gefolge entgegenkomme. Er fürchtet, dass der Bruder nun kriegerisch Rache nehmen will. Jakob kämpft mit sich selbst, wie er sich verhalten soll. Und in der Nacht vor dem Zusammentreffen wird dieser innere Kampf zur physischen Realität. Es kommt jemand, mit dem Jakob ringt, über Stunden. Die beiden kämpfen bis zum Äußersten: Jakob wird dabei die Hüfte ausgerenkt, doch er gewinnt die Oberhand. Der Gegner bittet, ihn loszulassen, doch Jakob stellt eine Bedingung: „Ich lasse dich nicht eher los, bis du mich gesegnet hast!“ (1. Mose 32, 27) Er erhält den Segen und zugleich den Zweitnamen „Israel“, Gotteskämpfer. Und er ahnt, dass es Gott selbst ist, der ihn in diesem Moment gesegnet hat.

Eine merkwürdige Geschichte. Und zugleich ein unglaublich beeindruckender Satz: „Ich lasse dich nicht eher los, bis du mich gesegnet hast!“ Jakob ringt mit Gott. Er setzt sich mit ihm auseinander, eine ganze Nacht lang. Und er ringt ihm seinen Segen ab. Er will diesen Segen haben, der ihn stärkt für das, was vor ihm liegt. Er will die Versicherung haben, dass Gott bei den nächsten Schritten an seiner Seite ist. Er gibt den Kontakt zu Gott nicht auf. Sein persönlicher Kampf um die Vergebung seines Bruders wird gut ausgehen, Esau begegnet ihm mit offenen Armen. Doch bedeutender scheint mir dieser eine nächtliche Kampf zu sein, in dem es um seine Beziehung zu Gott geht.

Und wie ist es mit uns? Die Wahrheit ist: So sehr wir uns das Gegenteil wünschen, kommt es doch nicht selten vor, dass wir einen der anfangs beschriebenen Kämpfe verlieren. Es gibt die Geschichten des Sieges im Kampf gegen den Krebs, aber es gibt mindestens genauso viele Geschichten der Niederlage, in denen auch der größte Überlebenswille einfach nicht ausreicht. Unzählige Ehen scheitern, Freundschaften zerbrechen, weil man sich manchmal einfach eingestehen muss, dass es nicht mehr gemeinsam weitergeht. Und auch scheinbar alternativlose Pläne und Träume können platzen.
Und dann? In solchen Situationen kommt es nicht selten auch bei uns zu Ringkämpfen mit Gott: Warum lässt er das zu? Warum hilft er nicht? Welchen Sinn hat unser Leben noch? Ist Gott überhaupt noch an unserer Seite?

Wer einmal einen Ringkampf angesehen hat, weiß: Ringen ist ein Sport mit maximalem Kontakt. Auseinandersetzungen mit Gott bringen uns also nicht weg von ihm, sondern schaffen eine besondere Nähe. Wir dürfen, manchmal müssen wir einfach mit Gott ringen.

Der Satz Jakobs bestärkt mich für meine persönlichen Kämpfe: Ich will mutig sein und diese Kämpfe angehen. Weil sie mich Gott näherbringen. Und ich will nicht aufgeben, nicht rausgehen ohne Gottes Segen, denn ich kann nicht leben ohne ihn. Ich will Gott an meiner Seite wissen, ihn ganz nah bei mir haben. Deshalb will ich mich mit Gott auseinandersetzen, auch wenn das Leben mich herausfordert und Zweifel nährt. Ich will mit ihm ringen, bis ich diesen Segen, diese Vergewisserung habe. Ich will darum kämpfen, in schwierigen Situationen die Beziehung zu Gott nicht zu verlieren.

Vielleicht gehe ich gezeichnet aus diesem Kampf heraus, ähnlich wie der hinkende Jakob oder Anna mit ihrem Tattoo. Die Auseinandersetzung mit Gott wird Spuren bei mir hinterlassen, mich verändern. Aber ich will mich dem stellen. Weil diese Spuren Zeichen eines persönlichen Triumphes sind. Denn mit Gott an meiner Seite habe ich das Wichtigste gewonnen. Dann schaffe ich auch die übrigen Kämpfe, ganz gleich, wie sie ausgehen.

Amen.
Bibelstellen zur Andacht:
1.Mose 32,23 - 33

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