sammlung

Hey ho, Piraten! Auf Beutezug mit Gott

Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute macht. (Psalm 119,162)

Sich mit Gott beschäftigen und große Beute machen – das klingt zunächst irgendwie widersprüchlich. Bei dem Ausdruck „Beute machen“ denke ich an Piraten oder Räuber, die anderen etwas wegnehmen, vielleicht sogar mit Gewalt. Doch wenn ich Gottes Wort begegne, dann erfahre ich ja vor allem etwas von seiner Liebe, einer gnädigen, aufopfernden, hingebungsvollen Liebe, ich lerne etwas über Nächstenliebe, Feindesliebe – und das geht irgendwie nicht mit der Vorstellung eines Beutezugs zusammen.

Vielleicht passt der Vergleich aber doch, wenn ich ihn etwas abstrakter fasse. Denn „Beute machen“ bedeutet ja allgemeiner gesprochen, etwas zu bekommen, das mir eigentlich nicht zusteht. Etwas zu empfangen, das ich so nicht erwartet habe. Einen Schatz zu heben, der mich reich macht, ganz unverhofft vielleicht. Und das passt wiederum sehr gut zur Begegnung mit Gottes Wort. Denn ich bekomme die Botschaft von Gottes Liebe ganz unabhängig von meinem persönlichen Verdienst, sie tritt in mein Leben, ohne dass ich etwas dafür getan habe. Ich kann sie nicht kaufen und sie mir auch nicht auf andere Weise erwerben. Insofern stimmt es: Ich muss sie gewissermaßen erbeuten. Aber nicht gewaltsam und nicht unrechtmäßig. Ich bekomme Gottes Liebe geschenkt. Einfach so. Und oft genug habe ich das Gefühl, sie nicht verdient zu haben. Vielleicht komme ich mir also selber manchmal wie eine Räuberin vor. Aber das muss ich nicht, denn Gott schenkt seine Liebe gern und reichlich, obwohl ich so unvollkommen bin, wie ich bin. Weil er mich so liebt, darf ich bei Gott reiche Beute machen, ohne zur Räuberin zu werden. Das ist das großartige Geschenk seiner Gnade. Und immer wieder erlebe ich Gottes Liebe ganz unverhofft, wo ich sie gar nicht erwartet habe. Das ist dann wirklich so, als würde man einen Schatz finden - das Gefühl, etwas sehr Wertvolles entdeckt zu haben, die Freude darüber, es sein eigen nennen zu können.

Dazu eine kleine Geschichte aus dem realen Leben: Neulich habe ich über ein Kleinanzeigen-Portal ein gebrauchtes Kinderfahrrad für meinen Sohn ausgesucht. Ich verabredete mich mit dem Verkäufer zur Übergabe. Man fährt zu solchen Treffen ja immer etwas angespannt, gerade auch als Frau: Wem werde ich dort begegnen? Kann ich der Person vertrauen? Was, wenn das Fahrrad in einem dunklen Kellerraum zu besichtigen ist? Mit solchen Gedanken kam ich bei der genannten Adresse an - und traf einen freundlichen Familienvater in der geöffneten Garage, der mich schon erwartete. Ich prüfte das Fahrrad, das in einwandfreiem Zustand war, wir unterhielten uns darüber, wie schnell die Kinder groß und die Fahrräder zu klein werden. Und als es um das Bezahlen ging, gab mir der Verkäufer spontan einen Rabatt, ohne dass ich danach gefragt hatte. Und er schenkte mir noch einen Roller dazu. Einfach so. Das ist vielleicht ein unbedeutendes Ereignis, aber in solchen Momenten glaube ich, blitzt Gottes Liebe in unserem Alltag auf. Ich fuhr also mit einem vollgepackten Kofferraum wieder nach Hause und dem Gefühl, reiche Beute gemacht zu haben. Aber auf schöne Weise. Denn ich hatte neben der materiellen „Beute“ auch ganz viel Liebe im Gepäck, die ich ganz unverhofft geschenkt bekommen hatte.
Meine „Liebesbeute“ vergrößerte sich noch um ein Vielfaches, als ich nachmittags das Fahrrad meinem Sohn präsentierte, ebenfalls einfach so, ohne Geburtstag oder Weihnachten. Der war unfassbar stolz, man sah, wie das Glück in ihm überschäumte – und er nahm das Geschenk an, wie nur Kinder es können: Er drehte strahlend seine Runden und erzählte jedem, dem er begegnete, auch Fremden, dass er ein neues Fahrrad habe.

Ich glaube, dieses Gefühl meint der Psalmbeter, wenn er schreibt, er freue sich über Gottes Wort wie einer, der große Beute macht: Das Gefühl, etwas Tolles bekommen zu haben, einfach so, die unbändige Freude darüber, eine Mischung aus Stolz, Glück, Dankbarkeit – und das Bedürfnis, es der ganzen Welt zu sagen, weil es einfach so schön ist.

So ist das wohl mit Gott: Wir bekommen seine Liebe einfach so geschenkt, ohne dass wir etwas dafür tun müssen. Wir dürfen sie dankbar annehmen, schauen, wie reich sie uns macht, wie sie uns verändert, und genießen, wie wir auch andere damit bereichern können, wenn wir sie weitergeben.

Das hat etwas von Seeräuber*innen-Romantik, ganz ohne schlechtes Gewissen.

Guter Vater, danke, dass du mich so reich mit deiner Liebe beschenkst.
Amen.



Bild Quelle:
stock.adobe.com/es
/images/alte-bibel-herz/
136007060
Bibelstellen zur Andacht:
Psalter 119,162 - 162

0 Kommentare