Eintracht in Gemeinde?
Schön wär’s!
Aber die Realität sieht doch oft ganz anders aus: endlose Diskussionen, verhärtete Fronten, bürokratische Hürden, langwierige Planungsprozesse, die Spontaneität und Ideenreichtum ausbremsen – ganz zu schweigen von der Macht der Gewohnheit, Neid, Eifersucht oder verletzten Eitelkeiten.
Tatsächlich ist es ja gerade bei der „guten Sache“ oft so, dass alle das Beste wollen, aber dabei keineswegs immer dieselbe Vorstellung davon haben, wie genau „das Beste“ aussieht und auf welchem Weg es zu erreichen ist.
Dieses Phänomen kannte auch schon Paulus. Die ersten Christen waren unsicher, wie sie ihren Glauben richtig leben und welche Regeln sie befolgen sollten, inwieweit zum Beispiel die strengen jüdischen Speisevorschriften noch Gültigkeit hatten. Die einen warfen den anderen vor, falsch zu glauben, unrein zu leben, Gott nicht ausreichend zu ehren. Es gab Leute, die noch sehr stark in ihrem alten Denken verhaftet waren, und andere, die bereits eine entspanntere Haltung angenommen hatten. Vor diesem Hintergrund schreibt Paulus an die Christen in Rom:
Der Gott der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. (Römer 15,5-6)
Was als „einträchtig gesinnt sein“ übersetzt wird, formuliert Paulus mit den griechischen Worten „to auto phronein“, was wörtlich „dasselbe denken“ bedeutet. Dabei ist „denken“ eigentlich eine unzureichende Wiedergabe, denn phronesis bezeichnet eine praktische Klugheit und Weisheit, die Fähigkeit, gut und schlecht zu erkennen und über das richtige Handeln in einer bestimmten Situation zu entscheiden.
Ja, es wäre großartig, würden alle in diesem Sinne immer „dasselbe denken“. Aber weil die Realität eben meistens doch anders, weniger einträchtig aussieht, setzt schon Paulus auf zwei ergänzende Gaben, nämlich Geduld / Standhaftigkeit (hypomone) und Trost (paraklesis), die das einträchtige Zusammenleben unterstützen sollen.
Wie nötig Geduld und Trost sind, wenn man in Gemeinde bestehen will, dürfte vielen wohl auch heute noch schmerzlich bewusst sein: Wie oft ist man kurz davor, alles hinzuschmeißen und zu sagen „Macht eure Sache doch alleine“. Und wie oft steht man mit Herzensanliegen vor Wänden des Unwillens oder der Trägheit. Dann braucht man eine hohe Frustrationstoleranz, oder mit den Worten des Paulus gesprochen: einen Gott der Geduld und des Trostes. Dabei bedeutet Geduld nicht, dass man alles mit sich machen lassen muss, und Trost bedeutet nicht, dass es in Ordnung ist, verletzt zu werden. Doch Geduld und Trost helfen, nicht an der Sache selbst zu zweifeln und sie am Ende vielleicht sogar aufzugeben. Denn die „gute Sache“, also Gottes Sache bleibt von all diesen Faktoren völlig unberührt, weil sie ganz verschieden ist von irgendwelchen formalen Zwängen oder persönlichen Befindlichkeiten.
Entsprechend rät Paulus den Christen in Rom auch, sich auf das Wesentliche zu besinnen. Es geht nicht darum, in jeder Hinsicht und bis ins letzte Detail einer Meinung zu sein, sondern im Bezug auf die Botschaft Jesu Christi. Er gibt die Richtung vor, indem er auf das hinweist, was wirklich zählt, nämlich Gottes Liebe, sein Frieden, seine Gerechtigkeit. Es tut gut, sich immer wieder daran zu erinnern. Denn Jesu Botschaft ist nicht nur eine Quelle der Geduld und des Trostes, sie ist auch ein Korrektiv, das hilft, sich selbst zu hinterfragen: Was steht bei mir gerade an erster Stelle? Ist es wirklich noch die Liebe, oder sind es eher irgendwelche persönlichen Bedürfnisse und Nöte? Und wenn man einmal in sich hineinhört und auf diese Frage wirklich ehrlich antwortet, dann beginnen sich die Dinge neu zu ordnen.
Das lateinische Wort für „Eintracht“ ist „concordia“. Es leitet sich etymologisch her aus den Bestandteilen „cum“ (zusammen, mit) und „cor“ (Herz). Dem Wortsinn nach beschreibt es also eine Verbindung der Herzen. Ich glaube, genau das ist es, wozu Paulus rät und was wir auch heute noch dringend brauchen, nicht im Sinne einer harmonisierenden Weichspülerei, sondern ganz praktisch: Wir müssen mehr mit dem Herzen denken. Wir müssen uns darauf besinnen, dass es Gottes Liebe ist, die uns verbindet und unserem Denken eine gemeinsame Richtung gibt. Wir müssen konsequenter der Liebe die Führung überlassen, auch und gerade in den ganz konkreten Fragen unseres praktischen Miteinanders. Wir sollten die Liebe nicht nur für die andächtigen Momente am Sonntagvormittag reservieren.
In Liebe verbundene Menschen sind in der Lage, Meinungsverschiedenheiten auszuhalten und damit konstruktiv umzugehen. In Liebe verbundene Menschen bleiben im Dialog und brechen nicht beleidigt den Kontakt ab. In Liebe verbundene Menschen schließen einander nicht aus und reden nicht schlecht übereinander. In Liebe verbundene Menschen können verzeihen. In Liebe verbundene Menschen sind nachsichtig miteinander, nehmen die Sorgen und Bedürfnisse des Gegenübers ernst und versuchen, ihn zu stärken, weil sie ihn von Gott geliebt wissen.
Wenn wir in diesem Sinne dasselbe denken, weil wir mit dem Herzen denken, dann ist Eintracht keine Utopie mehr.
Amen.