Ein Tag am Meer mit Gott
Der Wind weht, wo er will (Joh. 3,8)
Ein Tag am Meer: Wind, Wellen, Weite, Sand und Salz auf der Haut. Für mich als Exil-Ostfriesin sind es vor allem der Wind und die Weite, die ich vermisse und die ich im Rheinland bisher vergeblich gesucht habe. Der Wind an der Nordsee ist ein ganz anderer als im Binnenland. Was im Rheinland als Sturm bezeichnet wird, ist für den Ostfriesen eine leichte Brise. Der Wind an der See riecht nach Salz, er prickelt im Gesicht, kümmert sich nicht um Make-up und Frisuren, lässt sich von Regenschirmen nicht beeindrucken, macht Statussymbole unbedeutend. Er kann dich heftig durchpusten, dir in den Ohren sausen, dass du kaum noch etwas anderes hörst. Du spürst die Kraft dieser Naturgewalt und fühlst, wie klein du selbst bist. Du kannst dich in den Wind legen und wirst getragen, eine heftige Böe kann dich aber auch buchstäblich aus der Bahn werfen. Du kannst in den Wind schreien und er verschluckt deine Worte, trägt sie fort, wohin auch immer. Und dann gibt es die Momente der Windstille, manchmal ganz plötzlich. Diese Stille ist unvergleichlich, auf einmal ist man ganz bei sich.
Es wundert mich nicht, dass der Wind immer wieder als Bild benutzt wird, um Gott und sein Wirken zu beschreiben. Wir erleben Gottes Macht ähnlich wie den Wind, stehen ihr klein und manchmal auch ausgeliefert gegenüber, werden von ihr erschüttert, ahnen nur grob, wie groß sie sein muss und wie sehr sie unsere eigene Kraft übersteigt. Aber wir spüren auch immer wieder seine Nähe, wie er unsere äußeren Schutzpanzer durchdringt, uns persönlich berührt, uns bewegt. Gottes Geist wirkt spürbar in uns, aber dennoch ist er für uns nicht greifbar, ähnlich wie der Wind.
So wird es auch bei Johannes beschrieben:
Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt (Joh 3,8).
Wir brauchen Gottes Geist, das macht Jesus dem Pharisäer Nikodemus klar, sein Wirken macht uns erst ganz, sodass wir gewissermaßen neu geboren werden. Aber wir können Gottes Pläne nicht berechnen. Manchmal suchen wir ihn scheinbar vergeblich, manchmal ist er einfach auf einmal da. In der Feststellung von Gottes Unberechenbarkeit steckt zwar einerseits die Beobachtung, dass er sich unserem Zugriff entzieht, andererseits aber auch die Gewissheit, dass er Wege findet, sich uns zu nähern, auch wenn wir es nicht für möglich halten, vielleicht ganz überraschende manchmal. Und was er dann bei uns bewirkt, wissen wir genauso wenig wie, woher er kommt. Aber es lohnt sich, sich darauf einzulassen. Denn wir können darauf vertrauen, dass Gott weiß, was und wie viel gut für uns ist. Und dass er es gelegentlich sogar besser weiß als wir selbst, auch wenn es schwerfällt, sich das einzugestehen oder wir es manchmal erst im Nachhinein erkennen.
Ein Tag am Meer – mit Gott können wir das jeden Tag haben. Wir müssen uns dafür nicht auf eine lange Reise machen, nur ein wenig öffnen und hinspüren, wo sein Wind in unserem Leben weht. Und dann erleben wir sein Wirken so wechselhaft wie das Wetter an der See: Mal als kräftigen Rückenwind, der uns anschiebt, zum Beispiel auf dem Weg zum Schulabschluss oder in eine neue Beziehung. Ein anderes Mal erleben wir Gottes Wirken möglicherweise als heftigen Sturm von vorn, wir merken, dass irgendetwas nicht passt, dass wir nicht weiterkommen, etwas ändern müssen. Wir können unsere Sorgen und Ängste diesem Sturm anvertrauen, in den Wind hineinschreien, er nimmt sie weg und hilft uns, neu anzufangen. An wieder anderen Tagen trifft uns Gottes Geist vielleicht wie eine unerwartete Böe von der Seite, die uns auf neue Wege lenkt, Auswege zeigt, und möglicherweise merken wir später, dass das genau richtig so war. Immer wieder taucht Gottes Geist in unserem Leben auch einfach als eine erfrischende Brise auf, die unsere Gedanken erneuert, neue Perspektiven eröffnet und Lust auf Veränderung macht. Und schließlich erleben wir vielleicht auch einmal die seltenen Momente der Kalme, der völligen Windstille - Funkstille?! Oder die Stille, die es braucht, um Gott wirklich zu hören? Was hörst du dann? Probier’s mal aus!
Guter Vater, danke, dass Dein Geist mich wie der Wind umgibt und auf mich einwirkt.
Amen.