sammlung

Du kennst mich

Nach Hause kommen bei Gott

„Sie kennen mich.“ Mit diesen Worten hat Angela Merkel im TV-Duell zum Bundestagswahlkampf 2013 für sich geworben. Viele waren überrascht über die Kürze dieser Aussage. Merkel fasste nicht noch einmal das Parteiprogramm, ihre Agenda oder ihre Verdienste zusammen, sondern konzentrierte sich auf diese eine Botschaft: „Sie kennen mich.“ Damit sprach sie das an, was wohl das Wichtigste ist, das Politiker*innen erwerben müssen: Das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler in die eigene Person. Vertrauen hat man dem Gegenüber, was einem vertraut ist. Und der Satz „Sie kennen mich“ heißt ja nichts anderes als „Ich bin Ihnen vertraut“ bzw. „Sie können mir vertrauen“. Und so war es dann auch: Merkel gewann die Bundestagswahl mit einem Rekordergebnis von 41,5% für die Union.

Einander in aller Tiefe zu kennen und miteinander vertraut zu sein, ist etwas Wunderschönes. Man erreicht diese tiefe Vertrautheit mit anderen Menschen nur in sehr seltenen Fällen. Für mich ist sie mit einem Gefühl des Nach-Hause-Kommens verbunden. „Ich kenne dich doch!“ – Diesen Satz hört man vielleicht manchmal von der Mutter oder dem Vater oder von den Großeltern, vielleicht auch von dem Partner oder der Partnerin oder von einem sehr guten Freund / einer sehr guten Freundin, eben von Menschen, die einem sehr vertraut sind. Bei solchen Menschen brauche ich nicht viele Worte zu machen, weil sie mir schon an der Nasensitze ansehen, wie es mir geht, sie kennen mich einfach so gut. Das ist manchmal etwas unangenehm, weil man solchen Menschen gegenüber kaum etwas verbergen kann, aber es ist auch sehr schön, weil man sich diesen Menschen gegenüber eben auch nicht verstellen muss, sondern ihnen vertrauen und bei ihnen ganz man selbst sein kann.

Und so ist es auch mit Gott. „Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder“ (1. Könige 8,39), spricht Salomo bei der Einweihung des von ihm errichteten Tempels in Jerusalem, einem lang ersehnten Ort der Sicherheit, an dem Gott wohnen soll und an dem die Menschen mit ihren persönlichen Anliegen zu ihm kommen können.

Gott kennt uns so gut wie niemand sonst, eine solche Tiefe können wir mit keinem Menschen je erreichen. Und wir müssen diese Vertrautheit auch nicht über Jahre oder Jahrzehnte aufbauen, wie es bei Menschen normalerweise ist, sondern die Vertrautheit mit Gott ist einfach immer schon da. Sich an Gott wenden ist wie nach Hause kommen, wenn einfach alles so ist, als wäre man nie weg gewesen, egal, wie lange man unterwegs war. „Du kennst mich,“ können wir getrost zu Gott sagen, selbst wenn wir vorher noch nie gebetet oder uns Gott bisher eher fern gefühlt haben. Gott kennt uns durch und durch, er begleitet uns mit seiner Liebe. Deshalb müssen wir nicht bei Null anfangen, wenn wir vor ihn treten, sondern können gleich bei 100 Prozent beginnen, er ist ja voll im Bilde. Bei Gott kann ich nach Hause kommen, immer und überall. Ich kann mich voll Vertrauen an ihn wenden mit allem, was mich bewegt. Und ich brauche dazu auch gar nicht viel reden und erklären, wenn mir das schwerfällt. Ein „Du kennst mich, Gott“, sagt im Prinzip schon genug.

Menschen können sich voneinander entfernen, einander fremd werden. Selbst mein bester Freund kann mich enttäuschen und verletzen, Missverständnisse können Beziehungen belasten. All das kann bei Gott nicht passieren. Wir können immer und an jedem Ort voll Vertrauen zu ihm kommen, egal, auf welchen Wegen wir bisher unterwegs waren, egal, wie beladen unsere Herzen und Seelen sind, egal, wie kompliziert uns das eigene Leben erscheint. Und Gott begegnet uns mit seinem liebevollen „Ich kenne dich doch“, einem Satz, so einfach wie überwältigend.

Für mich ist es eine wunderschöne Gewissheit und eine tiefe Sicherheit, dass ich bei Gott nach Hause kommen kann, bei ihm gesehen und geliebt bin und ihm voll und ganz vertrauen kann.

Guter Vater, du kennst mich.
Amen.


Bibelstellen zur Andacht:
1.Kön 8,39 - 39

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