sammlung

Die Rücklichter des Möbelwagens

Warum wir (eigentlich) keine Angst vor dem Sterben haben müssen

Bist du schon einmal umgezogen? Wenn ja, dann kennst du sicherlich die Gefühle, die man im Laufe eines Umzugs durchmacht. Meistens hat der Umzug ja gute Gründe: Die neue Wohnung ist größer, hat mehr Zimmer, einen schönen Garten, eine günstigere Lage, die alte Wohnung wurde gekündigt, ist zu teuer, soll abgerissen werden usw. Du kennst diese Gründe und sie leuchten dir auch ein. Und trotzdem kommen in der Vorbereitung des Umzugs Wehmut und Trauer auf: Warum muss ich eigentlich umziehen? Hier ist es doch auch schön. Eigentlich könnte man sich doch auch mit dieser Wohnung arrangieren, sie ist zwar etwas eng, aber dafür kenne ich alles, habe mich eingerichtet. Werde ich es jemals wieder so schön haben wie in meinem alten Zimmer? Was habe ich in diesen vier Wänden nicht alles erlebt… - Auf einmal wird es unvorstellbar, all das zurückzulassen, die guten Argumente verblassen.

Aber wenn sich in deiner Wohnung die Kisten zu stapeln beginnen, die Lampen abmontiert sind und es allmählich ungemütlich wird, dann wird dir klar, dass es kein Zurück mehr gibt, dass du in dem alten Zuhause nun nicht mehr bleiben kannst. Am Tag des eigentlichen Umzugs, wenn die Möbel verladen sind, die alte Wohnung leer, die Schlüssel abgegeben, das neue Zuhause noch in weiter Ferne, dann bist du einen Moment lang ohne Dach über dem Kopf, reduziert auf das, was du bei dir hast. Du schaust dem Möbelwagen hinterher und fragst dich: Was, wenn er nie ankommt, wenn jetzt alles weg ist, was ich mein Leben lang aufgebaut und angesammelt habe, all die Erinnerungen, die kleinen und großen Schätze und Besitztümer…Und dann kommt der Moment, in dem du das akzeptierst. Du lässt den Möbelwagen fahren und sagst dir: Wenn es so sein soll, dann soll es so sein. Und dir wird klar: Das Wesentliche hast du bei dir.

So muss es wohl sein zu sterben. Nur dass wir beim Sterben wissen, dass der Möbelwagen nicht ankommt.

Dieses Bild von einem Umzug ist schon bei Paulus angelegt, denn er schreibt an die Gemeinde in Korinth:

„Wir wissen: Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“ (2. Kor. 5,1)

Ein wenig desillusionierend ist die Formulierung schon: Unser irdischer Körper eine erbärmliche Hütte, oder, in anderer Übersetzung, ein klappriges Zelt, in dem wir unser Dasein fristen, bis wir endlich in Gottes himmlisches Haus einziehen können. Gerade in der Jugend ist uns dieser Gedanke noch fremd: Wir fühlen uns gut in unserem Körper, spüren seine Kraft, gestalten, trainieren und schmücken ihn nach unseren Wünschen, nehmen sein Funktionieren als Selbstverständlichkeit wahr. Dass diese starke und schöne Behausung einmal vergehen soll, diesen Gedanken halten wir meist lieber fern von uns. Gottes Haus kann ruhig noch etwas auf uns warten, in der irdischen Hütte ist es nämlich eigentlich ziemlich nett… Und doch ist die eigene Vergänglichkeit eine Wahrheit, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Nach und nach werden wir merken, dass unser Körper klapprig wird, dass wir darin nicht für immer wohnen bleiben können. Wir können dann noch einige „Renovierungsarbeiten“ vornehmen, um die Wohnzeit zu verlängern, aber irgendwann geht es einfach nicht mehr. Dann müssen wir uns auf den Tag des Umzugs einstellen. Wir glauben daran, dass unser neues Zuhause bei Gott unvorstellbar schön sein wird, so schön, dass es allen Grund gibt, sich darauf zu freuen. Und doch macht uns der Umzug Angst.

All das weiß auch Paulus: „Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben.“ (2. Kor. 5,2-4)

Die Formulierung ist etwas kompliziert, aber gemeint ist wohl genau die oben beschriebene Angst vor dem Umzug: Schön wäre es doch, wenn man einfach das neue Haus über das alte stellen könnte, den alten Körper behalten und einfach Gottes Ewigkeit drüberziehen. Dann könnte man das Ausziehen und Umziehen vermeiden. Denn das eigentlich Schmerzhafte und Beängstigende am Sterben ist wohl dieser Übergang von einem Zuhause ins andere, das eine aufzugeben ohne das andere zu haben. Die Vorstellung vom „Ausziehen“ macht uns im doppelten Wortsinn Angst. Wir fürchten uns davor, unsere sterbliche Hülle verlassen zu müssen und dann womöglich ohne Hülle dazustehen, nackt zu sein in existenzieller Hinsicht. Im Bild des Umzugs gesprochen: Wir fürchten uns vor den Rücklichtern des Möbelwagens.

Wie kann der Glaube da helfen?

Paulus verweist auf etwas, das uns den Übergang leichter machen kann. Denn der Umzug in Gottes Haus ist für uns tatsächlich keine Reise ins völlig Unbekannte. Wir haben schon etwas in der Hand, das uns für den Umzug rüstet:

„Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.“ (2. Kor. 5,5)

Paulus nennt es „Pfand“, wir könnten es vielleicht mit einem Begriff aus der Immobilienbranche auch als „Kaution“ bezeichnen. Diese Kaution hat Jesus für uns bei Gott hinterlegt. Sie sichert uns ab gegen die existenzielle Obdachlosigkeit und Nacktheit, vor der wir uns fürchten. Denn dadurch, dass Jesus uns mit Gott versöhnt hat, haben wir schon etwas von Gottes Reich in uns, nämlich seinen Geist. Er ist so etwas wie ein Vorgeschmack auf die himmlische Wohnung und die Garantie, dass Gott uns nicht nackt dastehen lässt. Wir fallen niemals, auch nicht eine Millisekunde, aus seiner Liebe. An diesem Pfand können wir uns festhalten.

Vielleicht stellt sich dann nicht gleich Vorfreude auf den großen Umzug bei uns ein, das ist auch völlig in Ordnung, aber doch so etwas wie eine Vorahnung, ein Gefühl des Trostes und der Sicherheit, weil wir das Ziel unserer Reise schon ein Stück weit in uns tragen. Wenn wir seinem Geist in uns nachspüren, können wir vielleicht ein Gefühl dafür bekommen, wie umfassend wir bei Gott aufgehoben sind, für jetzt und für immer.

Amen.
Bibelstellen zur Andacht:
2.Kor 5,1 - 5

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