Die Hand Gottes
(Mehr als) eine Fußball-Andacht
Nur noch wenige Wochen, dann beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko mit dem Eröffnungsspiel im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt – eine gute Gelegenheit, um an ein legendäres Tor zu erinnern, das bei der WM vor 40 Jahren in eben diesem Stadion gefallen ist: Im Viertelfinalspiel gegen England erzielte Diego Maradona ein Tor für Argentinien, nahm dabei allerdings seine Hand zu Hilfe. Der Schiedsrichter hatte das Handspiel nicht gesehen und entschied auf einen regulären Treffer. Argentinien gewann das Spiel und holte sich schließlich sogar im Finale gegen Deutschland den Weltmeister-Titel. Maradona erklärte im Interview nach dem umstrittenen Sieg gegen England, es sei „ein bisschen Maradonas Kopf und ein bisschen die Hand Gottes“ gewesen, die dieses Tor erzielt hätte. Erst viele Jahre später gab er das Handspiel zu. Dieses Tor ist jedenfalls unter dem Namen „die Hand Gottes“ in die Fußball-Geschichte eingegangen.
Fast 3000 Jahre früher spricht auch jemand von der Hand Gottes, allerdings in ganz anderem Zusammenhang. Salomo weiht den von ihm errichteten Tempel in Jerusalem ein. Bei der Feier spricht er ein langes Gebet und erinnert Gott daran, dem besonderen Bund mit seinem Volk weiter die Treue zu halten. Am Ende wendet er sich mit einem Segenswunsch an die versammelten Israeliten:
Der Herr, unser Gott, sei mit uns, wie er mit unsern Vätern gewesen ist. Er verlasse uns nicht und ziehe die Hand nicht ab von uns. (1. Kön. 8,57)
Was soll man sich mehr wünschen als die schützende Hand Gottes? Ich mag die Vorstellung, dass Gott seine Hand über mich hält, mich behütet, birgt, stärkt, anschiebt, schubst, streichelt, festhält oder auch trägt, je nachdem, was ich gerade brauche. Und ich finde es faszinierend, dass dieser Gedanke die Menschen über die Jahrtausende beschäftigt und berührt hat. Zahlreiche Verarbeitungen in Musik, Literatur und bildender Kunst zeugen davon. Als Beispiele seien nur Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle, Rilkes „Märchen von den Händen Gottes“ oder das irische Segenslied „Möge die Straße“ genannt – die Liste ließe sich beliebig verlängern.
Inwiefern Gott seine Finger beim Fußball im Spiel hat und ob er sich dazu herablässt, der einen Mannschaft mehr als der anderen unter die Arme zu greifen, bleibt zu diskutieren. Sicher aber ist: Auch bei der kommenden Weltmeisterschaft werden wieder unzählige Stoßgebete zum Himmel geschickt werden, von Spielern wie von Trainern und Fans – weil es einfach gut tut, sich auf die schützende und stärkende Hand Gottes zu besinnen, und weil es etwas verändert. Ich gehe die Herausforderungen des Lebens anders an, wenn ich davon ausgehe, dass Gott seine Hand über mich hält. Ich kann Mut und Kraft, aber auch Trost und Halt daraus schöpfen.
Besonders schön ist der Gedanke auch deshalb, weil er die Menschen miteinander verbindet. Denn nicht nur ich selbst stehe unter Gottes Hand, sondern meine Mitmenschen ebenso. Diesen verbindenden Geist wünsche ich mir für die Fußball-WM wie auch für das sonstige Leben: Dass wir einander segnend die Hand reichen können, weil wir jeden unserer Mitmenschen von Gottes großer Hand getragen und geschützt wissen.
Amen.