„Das Universum dehnt sich aus“
Eine Psalm-Lektüre mit Adel Tawil
Manchmal passiert es, dass mir ein bestimmter Text oder ein Lied einen neuen Zugang zu einem Bibelwort eröffnet. Es kann auch ein Text über ein ganz anderes Thema sein, der irgendeinen Gedanken oder eine Formulierung enthält, die mir eine Bibelstelle neu erschließt. So ging es mir mit den Worten aus Psalm 139:
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. (Ps. 139, 7-10)
Ich mag an diesen Versen die poetische Sprache und die schönen Bilder, in denen Weite und Geborgenheit miteinander verbunden sind. Der Fluchtgedanke war mir dagegen bisher immer etwas fremd, die Frage „Wohin soll ich fliehen?“ stellte sich mir nicht so sehr, denn ich wollte eigentlich gar nicht fliehen. Irgendwie passte das Nicht-Entkommen-Können für mich nicht zu der an sich doch positiven Vorstellung, von Gott an jedem Ort behütet und begleitet zu sein.
Das Lied „Universum“ von „Ich und Ich“ bzw. Adel Tawil enthält ganz ähnliche Gedanken wie der Psalm, auch wenn es darin gar nicht um Gott geht, sondern um den Abschied von jemandem, der eine Reise machen will. Im Refrain heißt es:
Du kannst in die Ferne fliegen, durch die Mongolei
In tiefste Tiefen tauchen, fühl dich frei
Das Universum dehnt sich aus
Du kannst die Gipfel erklimm'n, zu allen Inseln schwimm'n
In deinem Herzen bin ich sowieso dabei
Denn ich bin immer dein Zuhaus.
Du kannst zu den Sternen fliegen, am Orion vorbei
Im Marianengraben tauchen, oh, fühl dich frei
Das Universum dehnt sich aus
Den Mount Everest erklimm'n, bis nach Island schwimm'n
In deinem Herzen bin ich sowieso dabei
Denn ich bin immer dein Zuhaus.
Diese Liedzeilen enthalten eine wunderschöne Liebeserklärung: Wohin du auch gehst, ich bin im Herzen bei dir. Du darfst gehen. Mach dich auf und erkunde die Welt. Sammle Eindrücke, probier dich aus. Du darfst dich, wenn du möchtest, maximal weit von mir entfernen. Aber ich bin nie weg. Ich bin deine Basis, ich bin dein Zuhause.
Mit diesen Worten im Hinterkopf entdecke ich die Verse aus Psalm 139 neu: Ich höre mehr das „Du darfst“ an Stelle des „Du kannst nicht“, sehe mehr die Liebe als die Macht. Und ich erkenne: Es geht Gott nicht darum, mich zu verfolgen oder einzusperren, im Gegenteil. Er verspricht mir sein bedingungsloses Mit-Sein auf allen meinen Wegen, wohin auch immer sie mich führen, selbst wenn sie mich von ihm wegführen sollten.
Ich überlege noch einmal neu, welche konkrete Bedeutung die „Flucht vor Gott“ in meinem Leben haben könnte. Mir wird klar, dass das Weglaufen vor Gott ganz verschiedene Erscheinungsformen haben kann, und manche davon uns vielleicht gar nicht bewusst sind. Wir sind geschäftig, fliegen mit einem vollen Terminkalender durch den Tag, sind so erfüllt von Verpflichtungen, dass wir manchmal gar nicht merken, dass Gott in unserem Leben gerade keine große Rolle spielt. Wir machen uns Zeitpläne, Trainingspläne, Diätpläne, versuchen uns zu optimieren und unsere Leistungsfähigkeit stetig zu erweitern, und dabei übersehen wir manchmal, wie wunderbar uns Gott eigentlich schon gemacht hat. Wir bereisen die Welt, es gibt kaum einen Ort, den wir nicht erreichen können, Weltraumtourismus ist keine Utopie mehr, ebenso Tauchgänge mit dem U-Boot. Wir erkunden die entlegensten Winkel der Erde, dringen immer weiter ins Universum vor. Je mehr wir selbst erforschen, desto mehr glauben wir uns von Gott unabhängig, eigenständig und frei. Wir bilden uns einiges ein auf unsere technischen Errungenschaften, unsere wissenschaftlichen Fortschritte, und es scheint manchmal fast so, als bräuchten wir Gott dafür gar nicht mehr.
Aber warum ist uns das eigentlich so wichtig? Warum fliehen wir vor Gott, wollen es ohne ihn schaffen, wenn wir ihn auch mitnehmen könnten? Warum verschwenden wir so viel Energie darauf, uns zu beweisen, dass wir es auch ohne Gott können?
All dem begegnet Gott mit seinem einfachen, aber klaren „Ich bin da. Immer und überall.“ Das ist so simpel wie überwältigend. Gott wartet auf uns wie ein geduldiger Vater oder ein treuer Freund. Keine unserer Expeditionen kann uns von ihm trennen, er bleibt immer an unserer Seite. Gottes Universum dehnt sich mit und für uns aus, wir werden niemals außerhalb sein. Wo auch immer wir hingehen, da ist er auch, weil er unser Zuhause ist, von dem wir kommen und zu dem wir gehen.
„Keine Grenze, die uns trennt“, singt Adel Tawil. Und das gilt auch für Gottes Beziehung zu uns. Gott ist nicht die Grenze, sondern er ist es, der die Grenzen überwindet. Es gibt einfach nichts, das uns von Gott trennen kann, ich werde an keinem Ort und zu keiner Zeit ohne ihn sein.
Weite und Geborgenheit: Gesehen habe ich diese Aspekte in den Psalmversen schon die ganze Zeit, aber das Lied hat sie mich neu entdecken lassen. Gott begrenzt nicht, er schenkt uns Weite. Wir dürfen uns bei ihm entfalten, wir dürfen unsere Wege gehen, auch von ihm weg. Gott ist die Basis, die immer bleibt, unser Zuhause, er ist immer da, hält uns in seiner Hand geborgen. Das tut nicht weh und nimmt mir auch nichts, sondern gibt mir unglaublich viel Ruhe und Sicherheit.
Und so werden die Worte von Adel Tawil für mich zum Gebet:
Guter Vater, du hast mehr als jeden Schimmer von mir. Ich weiß, ich häng für immer an dir.
Amen.