sammlung

„Das muss ich Oma am Telefon erzählen.“

Vom Abschiednehmen

Abschied nehmen bedeutet loslassen, zulassen, dass jemand geht.
Doch Abschied nehmen ist manchmal kaum möglich. Wenn jemand zum Beispiel ganz plötzlich verstirbt und man nicht mehr den letzten Weg mit ihm gehen kann. Dann reißt der Tod eine Lücke, die kaum auszuhalten ist. Aber nicht nur dann sehnen wir uns manchmal danach, die Zeit zurückdrehen zu können, den geliebten Menschen noch einmal in den Arm nehmen, noch einmal seine Wärme spüren oder einfach nur mit ihm reden zu können.

Seitdem meine Oma vor einigen Monaten gestorben ist, ertappe ich mich manchmal, wenn irgendetwas Schönes oder auch nicht so Schönes passiert ist, bei dem Gedanken: „Das muss ich Oma nachher am Telefon erzählen.“ Und dann wird mir klar, dass das ja gar nicht mehr geht. Und dann tut es wieder weh, dann fehlen mir die Gespräche mit ihr wieder sehr, ihr Zuhören, ihr Mitgefühl und ihre ehrlichen Ratschläge…

Abschied tut weh, weil wir selbst so viel verlieren, wenn jemand geht. Wir verlieren vielleicht einen Ansprechpartner, jemanden, der uns Halt gibt, eine Wegbegleiterin, ein Vorbild, eine Hoffnung, einen Reibepunkt, ein Korrektiv. Die verstorbene Person hinterlässt in unserem Leben eine Leere, die manchmal so groß erscheint, dass wir selbst nicht mehr wissen, wie wir weiterleben sollen.

Im japanischen Ort Ötsuchi gibt es ein sogenanntes Windtelefon, ein altes Telefonhäuschen, das jemand auf seinem Grundstück aufgestellt hatte, um mit seinem verstorbenen Vetter zu kommunizieren. Nach dem Tsunami 2011 erlangte das Telefon große Bekanntheit in Japan, Tausende besuchten es, um mit denen zu reden, die sie durch die Naturkatastrophe so abrupt verloren hatten. Mittlerweile gibt es an vielen Orten der Welt und auch auf manchen Friedhöfen in Deutschland solche Windtelefone. Sie sollen den Abschied und die Bewältigung der Trauer leichter machen. In der Telefonzelle kann man in Ruhe mit den Verstorbenen sprechen. Manchen hilft es, einen Telefonhörer in der Hand zu haben, dann wird die Kommunikation irgendwie konkreter. Man kann sich vielleicht besser vorstellen, dass am anderen Ende der Leitung wirklich jemand sitzt. Das Telefon hilft, sich direkt an die verstorbene Person zu wenden, es baut die Barrieren ab, die der Tod errichtet hat. Manchmal steht man ja einfach sprachlos am Grab und weiß nicht so recht, was man machen oder sagen soll. Das Windtelefon ist ein Mittel, die Sprachlosigkeit zu überwinden. Man kann befreit reden, das sagen, was man nicht mehr loswerden konnte, vielleicht um Verzeihung bitten, vielleicht gute Wünsche mitteilen, vielleicht auch einfach nur von den Erlebnissen des Tages berichten. Reden hilft, warum also nicht einfach mit den Verstorbenen telefonieren?! - Es ist jedenfalls ein Weg, den Abschied erträglich zu machen.

Was kann uns sonst helfen, Abschied zu nehmen? Der Glaube kann es uns leichter machen. Jesus spricht: Ich bin die Auferstehung, und ich bin das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben (Johannes 11,25-26). Der Glaube an das ewige Leben kann uns Kraft geben für den Abschied, weil wir darauf vertrauen, dass die Verstorbenen nicht einfach weg sind, sondern ihre Seelen bei Gott geborgen, und dass Gott uns niemals verloren gibt, auch nicht an den Tod. So kann uns auch die Hoffnung tragen, irgendwann wieder mit denjenigen zusammen zu sein, die wir für den Moment verloren haben. Wenn wir uns von Gottes Liebe tragen lassen, wird es leichter, jemanden gehen zu lassen. Denn wir wissen, dass die Liebe stärker ist als der Tod.

Und Gott lässt uns auch im irdischen Leben nicht allein. Er verspricht, bei uns zu sein in allen Lebenslagen, und ganz besonders dann, wenn es schwer ist für uns in der Trauer und wir uns verlassen fühlen. Gott ist da mit seiner Liebe, seinem Trost, und er hält uns, egal wie groß das Gefühl der Leere ist. Und er führt uns zurück in die Gemeinschaft. Denn in der Trauer braucht man Momente für sich, doch man braucht auch andere Menschen. Erinnerungen zu teilen kann helfen, mit dem Schmerz umzugehen. Wenn wir uns gemeinsam in Liebe an jemanden erinnern, dann können wir spüren, wie Gott uns hilft, den Schmerz zu überwinden. Am Ende ist die Liebe das, was bleibt, und in Gottes Liebe bleiben auch wir.

Guter Vater, deine unendliche Liebe trägt mich, im Leben wie im Tod, in Freude und in Trauer.
Danke, dass Du mich nie verloren gibst.
Amen.


Bibelstellen zur Andacht:
Joh 11,25 - 26

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