Blitzdings
Ich vergesse dich nicht
Die Science-Fiction-Komödie „Men in Black“ ist auch fast 30 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Films immer noch Kult – Jeder kennt die Männer in den schwarzen Anzügen mit Sonnenbrille ebenso wie ihre riesigen, futuristischen Waffen und die besonderen Spezial-Instrumente, mit denen sie operieren. Zu letzteren gehört auch der „Neutralisator“, mit dem die Agenten, wenn sie in der Öffentlichkeit tätig werden müssen, um einen Außerirdischen zu bändigen, das Gedächtnis der anwesenden Zeugen bearbeiten können, damit ihre Geheimorganisation sowie das Vorhandensein von Aliens auf der Erde der Allgemeinbevölkerung nicht bekannt wird. Das kleine Gerät, von Aushilfsagent J „Blitzdings“ genannt, strahlt auf Knopfdruck ein helles Licht aus, mit dem das Kurzzeitgedächtnis des Gegenübers gelöscht wird, sodass er sich nicht mehr an das zuvor Geschehene erinnern kann.
An dieses Gerät musste ich denken, als ich die Worte las, mit denen Jesaja das Volk Israel an ein besonderes Versprechen Gottes erinnert:
Gedenke daran, Jakob, und du, Israel, denn du bist mein Knecht. Ich habe dich bereitet, dass du mein Knecht seist. Israel, ich vergesse dich nicht! Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke und deine Sünden wie den Nebel. Kehre dich zu mir, denn ich erlöse dich! (Jesaja 44, 21-22)
Es ist viel von Vergessen und Erinnern die Rede in diesen Versen. Das Volk Israel soll sich an seine besondere Beziehung zu Gott erinnern. Gott selbst will diesen besonderen Bund ebenfalls nicht vergessen. Aber eines verspricht er aus seiner Erinnerung zu tilgen, nämlich die Sünden und Vergehen der Israeliten. All die Momente, in denen sie sich während ihrer Zeit in Babylon von Gott abgewendet, andere Götter angebetet haben, die will er einfach löschen, wegwischen wie eine Wolke oder einen Nebel - Vergebung mit einer Handbewegung, als hätte es die Sünden nie gegeben. In meinem Kopfkino sehe ich den Neutralisator vor mir und stelle mir vor, Gott würde sich kurzerhand selber „blitzdingsen“...
Es ist ein unfassbares Versprechen, das Gott den Israeliten da macht – und es gilt für uns heute immer noch: Gott ist bereit zu einer Vergebung, die uns einen echten Neuanfang ermöglicht. Wenn wir uns ihm zuwenden, bleibt nichts von dem zurück, was uns von ihm trennte. Das ist real so schwer vorstellbar, dass man dafür Naturbilder oder in unserer Zeit eben Science-Fiction braucht.
Manchmal wünscht man sich, man könnte auch in zwischenmenschlichen Beziehungen einmal kurz „blitzdingsen“ und von vorn beginnen, als wäre der Fehler oder der Konflikt nie dagewesen. Doch leider bleibt zwischen Menschen meist irgendetwas zurück – wir können nicht in der Form vergeben und vergessen, wie Gott es zu tun verspricht. Aber wir können uns klarmachen, wie schön so eine zweite Chance ist, wie befreiend es ist, ohne Lasten neu anfangen zu dürfen. Und dann können wir es vielleicht auch einmal versuchen bei denen, die uns etwas schulden.
Fast noch schöner als das Vergessen finde ich aber das Erinnern. Gott verspricht: Ich vergesse dich nicht. Gott tilgt seine Erinnerung an das, was wir falsch gemacht haben, aber was wir ihm bedeuten, das behält er im Gedächtnis, das bleibt, für immer.
Beim Neutralisator im Kino ist es ähnlich: Der löscht auch nur die letzten Erfahrungen. So kann Agent K am Ende des Films seine Erinnerungen an die Zeit bei den MIB löschen lassen, um im Ruhestand ein unbeschwertes Leben mit seiner Frau zu verbringen. Dass er sie liebt, vergisst er nicht.
Und das gilt auch für unsere Beziehung zu Gott: Er vergisst uns nicht. Er behält immer im Gedächtnis, dass wir seine geliebten Kinder sind, selbst wenn wir ihn vergessen.
Vielleicht kann uns dieser Gedanke auch im Umgang miteinander bestärken zur Vergebung. Denn Vergebung wird etwas leichter, wenn wir uns erinnern, dass wir in unserem Mitmenschen jemanden vor uns haben, den Gott ebenso im Gedächtnis hat wie uns selbst, den er ebenso liebt, auch wenn er oder sie gerade einen Fehler gemacht hat.
Der Neutralisator der MIB ist eine unterhaltsame Fiktion, aber Gottes Vergebung und Gnade will in unserem realen Leben wirken, indem sie uns ganz tiefgehend verändert und neu aufstellt in unserer Beziehung zu Gott. Wer diese Zusage in ihrer ganzen Tiefe an sich heranlässt und versteht, kann nur so reagieren, wie Jesaja es für die Israeliten beschreibt:
Jauchzet, ihr Himmel, denn der Herr hat’s getan! Jubelt, ihr Tiefen der Erde! Ihr Berge, frohlocket mit Jauchzen, der Wald und alle Bäume darin! Denn der Herr hat Jakob erlöst, an Israel verherrlicht er sich. (Jesaja 44,23)
Guter Vater! Es gibt Momente, da möchte ich in diesen Jubel einstimmen, weil ich mich einfach so freue, dass Du mich nicht vergisst.
Amen.