sammlung

Blaue Häkchen

Hörst du mich, Gott?

Bei Messengerdiensten wie WhatsApp ist es möglich, zu sehen, ob die Empfängerin oder der Empfänger eine Nachricht gelesen hat. Die beiden grauen Häkchen, die signalisieren, dass die Nachricht zugestellt wurde, werden dann blau. Es gibt aber auch die Möglichkeit, diese Funktion zu deaktivieren, wenn man zum Beispiel nicht mit Nachfragen belästigt werden möchte, warum man eine Frage zwar gelesen, aber immer noch nicht beantwortet hat. Beides hat Vor- und Nachteile. So kann es für den Sender einer Nachricht beruhigend sein, zu wissen, dass eine Information zur Kenntnis genommen wurde, wenn es sich zum Beispiel um einen wichtigen Hinweis handelt. Die Sichtbarkeit der eigenen Aktivitäten kann aber für den Empfänger einer Nachricht auch belastend werden, wenn man den Messengerdienst zum Beispiel sowohl für berufliche als auch für private Zwecke nutzt und die Kontaktpersonen aus ihrem Wissen um das eigene Lektüreverhalten bestimmte Forderungen ableiten.

Doch wie ist das eigentlich bei unserer Kommunikation mit Gott? Wenn wir beten, wissen wir ja ganz nüchtern betrachtet auch nicht, ob unsere Nachrichten wirklich gehört werden, genau genommen können wir noch nicht einmal sicher sein, ob sie überhaupt „zugestellt“ werden. Ist Gott also wie ein Chatpartner, dessen Aktivitäten wir nicht verfolgen können, und beten wie chatten mit nur einem grauen Häkchen? Ganz ehrlich: Wenn ich im Chat mit jemandem immer nur selbst Nachrichten schreiben würde, aber keine Antworten bekäme und dazu noch nicht einmal sehen könnte, ob meine Nachrichten überhaupt ankommen, würde ich die Kommunikation doch irgendwann abbrechen.
Warum bete ich also? Was ist dabei anders?

Im Buch der Psalmen gibt es zahlreiche Verse, in denen das Hören Gottes thematisiert wird. Auch der Psalmbeter stellt sich die Frage, ob Gott seine Worte hört. Es gibt flehentliche Bitten, Gott möge doch die Gebete erhören, aber auch Lobpreis und Dank, wenn eben dies geschehen ist. So spricht der Psalmbeter, nachdem er aus Todesgefahr gerettet wurde:
„Das ist mir lieb, dass der HERR meine Stimme und mein Flehen hört. Denn er neigte sein Ohr zu mir; darum will ich mein Leben lang ihn anrufen.“ (Psalm 116, 1-2)

Es ist ja nicht so, dass Gott nicht antworten würde auf unsere Gebete. Seine Antworten fallen nur anders aus, als wir es aus unserer zwischenmenschlichen Kommunikation gewohnt sind. Gott antwortet oft nicht direkt, selten mit konkreten Worten, manchmal erkennen wir erst im Nachhinein, dass ein Ereignis in unserem Leben eine Antwort auf unser Gebet war. Aber es gibt diese Momente, in denen mir klar wird, dass Gott meine Gebete erhört. Das Erhören ist dabei eine Steigerung des Hörens. Ich sage, dass mein Gebet erhört worden ist, wenn ich auf irgendeine Weise eine Reaktion bemerke, wenn sich etwas in meinem Leben bewegt, das ich mit dem Gebet in Verbindung bringen kann.

Der Psalmbeter hat die Erfahrung gemacht, dass sein Gebet erhört wurde. Und daraus leitet er für sich die Schlussfolgerung ab, dass er diese Kommunikation fortführen möchte. Erfahrungen, dass Gott auf unsere Gebete reagiert, eigene oder fremde, bestärken unseren Glauben. Und der Glaube ist es, der den Unterschied macht zwischen der Kommunikation in einem WhatsApp-Chat und meinen Gebeten zu Gott. Wenn ich bete, macht mein Glaube gewissermaßen die Häkchen blau, ganz unabhängig davon, ob es eine Antwort oder einen "Beweis" für Gottes Zuhören gibt. Ich habe einfach ein tiefes Vertrauen, dass meine Gebete bei Gott ankommen. Der Glaube gibt mir im Gebet so viel Sicherheit wie die blauen Häkchen im Chat - eigentlich sogar noch mehr. Denn ich vertraue nicht nur darauf, dass Gott meine Gebete hört, also zur Kenntnis nimmt, sondern ich glaube auch daran, dass er sie ERhört, also zu gegebener Zeit und auf eine Weise, die ihm richtig erscheint, darauf reagieren wird. Für diese Zuversicht haben die Messengerdienste gar keine Farbe, das geht weit über „zugestellt“ und „gelesen“ hinaus.

Natürlich kennen wir auch beim Beten die Ungeduld. Das ist so, wie wenn wir die blauen Häkchen an einer Nachricht sehen und uns fragen: Warum antwortet der denn jetzt nicht?! Bei der Kommunikation mit Gott kommt dann manchmal auch der Zweifel dazu: Hört Gott meine Gebete wirklich? Beides, Ungeduld und Zweifel, ist auch dem Psalmbeter nicht fremd:

„Verbirg dein Antlitz nicht vor mir in der Not, neige deine Ohren zu mir; wenn ich dich anrufe, so erhöre mich bald!“ (Psalm 102, 3)

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.?Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.“ (Psalm 22, 2-3)

Doch je häufiger ich bete und je mehr positive Erfahrungen ich dabei mache, desto weniger werden diese Momente des Zweifels und der Ungeduld. Ich werde innerlich ruhiger, ich verlasse mich einfach darauf, dass Gott da ist, mich hört und antworten wird. Das hilft, Phasen der scheinbaren Funkstille zu überbrücken.

Wenn Glaube eine Farbe hätte, dann wäre er für mich blau, blau wie die Häkchen beim Chatten - mit einem Schimmer Gold vielleicht, weil Glauben so viel mehr ist als Wissen, dass eine Nachricht gelesen wurde, und Erhören so viel mehr als Hören.

Guter Vater, ich vertraue darauf, dass du meine Gebete erhörst.
Amen.

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