Bitte kommen
Was tun, wenn Gott dich anfunkt?
„Michel für Peter vierzehn-zwo, bitte kommen.“ – „Vierzehn-zwo hört.“ Wie gerne habe ich als Kind der 90er im Vorabendprogramm der ARD das „Großstadtrevier“ gesehen – mit Jan Fedder in der Rolle des unangepassten Kommissars Dirk Matthies und den vielen wunderbar harmlosen Geschichten vom Hamburger Kiez über „große Haie und kleine Fische“, wie es in dem Titelsong von Truckstop heißt. Legendär waren auch die Funksprüche, mit denen der Streifenwagen „Peter 14/2“ in der Serie gerufen wurde – was sogar dazu führte, dass die (echte) Hamburger Polizei in ihrer Traueranzeige zum Tod von Schauspieler Jan Fedder einen an die Serie angelehnten Funkspruch abdruckte: „Peter 14/2 geht in Status 6 – alle Michel Ende“.
Wenn man angefunkt wird, muss man antworten und die Hörbereitschaft signalisieren. So ähnlich ist es auch in der Geschichte von der Berufung Samuels. Der Junge wurde von seiner Mutter Hanna als Diener des Priesters Eli in den Tempel gebracht. In der Geschichte nun wacht er in einer Nacht plötzlich auf, weil er eine Stimme hört, die ihn ruft. Dreimal passiert das und dreimal läuft Samuel zu Eli und fragt, was er von ihm wolle, woraufhin der ihn wieder ins Bett schickt – bis dem Alten bewusst wird, dass es Gott selbst sein muss, der Samuel ruft. Er rät dem Jungen also, beim nächsten Mal direkt zu antworten, und zwar mit den Worten: „Rede, Herr, denn dein Knecht hört“ (1. Sam 3,9). Samuel folgt diesem Rat und erfährt, was Gott mit dem Hause Elis vorhat. Die (ziemlich schlechten) Nachrichten überbringt er am nächsten Morgen seinem Meister und tritt damit seinen Dienst als Prophet des Herrn an.
Die Geschichte zeigt, dass selbst die größten Propheten mal klein anfangen und auch sie nicht jede Ansprache Gottes sofort als solche erkennen bzw. richtig reagieren. Manchmal braucht es einfach etwas Nachhilfe, um mit Gott in Kontakt zu treten. Und damit kommt die Geschichte Samuels meiner eigenen Erfahrungswelt nahe. Ich frage mich: Würde ich merken, wenn Gott mich „anfunkt“? Hat er es vielleicht schon einmal getan und ich habe es gar nicht wahrgenommen? Bin ich in Rufbereitschaft?
Mir geht der Funkspruch aus der Todesanzeige nicht aus dem Kopf: „Peter 14/2 geht in Status 6“. Der Status 6 bedeutet im deutschen Funkmeldesystem der Einsatzfahrzeuge „nicht einsatzbereit“ bzw. „außer Betrieb“. Wie ist es bei mir? In welchem Status bin ich eigentlich gerade? Ich denke grundsätzlich schon, dass ich „einsatzbereit“ bin, also Status 1. Aber andererseits bin ich mir ehrlich gesagt manchmal nicht sicher, ob mein Funk wirklich funktioniert. Ich finde mich eher bei Status 5 („Sprechwunsch“), gelegentlich auch bei Status 0 („Notruf / priorisierter Sprechwunsch“).
Was ich an der Geschichte Samuels tröstlich finde, ist, dass es den Menschen dort ganz ähnlich geht wie mir. Zu Beginn heißt es: „Und zu der Zeit, als der Knabe Samuel dem HERRN diente unter Eli, war des HERRN Wort selten, und es gab kaum noch Offenbarung.“ Auch zu Samuels Zeit ist es also nicht so, dass Gott sich ständig bei den Menschen meldet, auch nicht bei denen, die ihr ganzes Leben der Kommunikation mit ihm widmen. Und dann passiert es doch. Und auch die Profis sind erst einmal überfordert, wie sie mit diesem „Funkspruch“ umgehen sollen. Aber Gott erreicht seinen Diener. Er lässt nicht locker, wiederholt seine Ansprache, bis Samuel auf Status 1 umschaltet und Rufbereitschaft signalisiert.
Das macht mir Mut für meine eigene Kommunikation mit Gott. Ich kann darauf vertrauen, dass die Verbindung funktioniert. Ich darf zuversichtlich sein, dass Gott mich erreicht, auch wenn ich manchmal ein Gefühl der Funkstille habe, ja sogar, wenn ich mal „außer Betrieb“ sein sollte. Und ich nehme mir vor, bewusster „auf Empfang zu schalten“ und Gottes Stimme auch dort zu erwarten, wo ich sie nicht vermuten würde - vielleicht ja sogar in einer vertrauten Stimme, die ich Gott gar nicht zugeordnet oder zugetraut hätte?
Guter Vater, lass mich hören, wenn du mich anfunkst.
Amen.