sammlung

Auf tönernen Füßen

Was brauchst du zum Glauben?

Die Frage, ob es Gott wirklich gibt, ist wohl so alt wie der Glaube selbst. Immer wieder haben Menschen den Versuch unternommen, Gottes Existenz wissenschaftlich zu beweisen oder umgekehrt auch zu widerlegen. Dem Mathematiker Kurt Gödel gelang es 1970, einen formal-logischen Beweis für die Existenz Gottes aufzustellen. Vor wenigen Jahren konnten andere Forscher diesen Nachweis mit künstlicher Intelligenz bestätigen. Aber brauchen wir das wirklich, um zu glauben?

Auch die Geschichten von Daniel am Babylonischen Königshof drehen sich immer wieder darum, den jeweiligen Herrscher von der Existenz, der Größe und Stärke des Gottes Israels zu überzeugen. Und es erfordert schon einiges, einen Nebukadnezar zu beeindrucken. Erst als Daniel es durch eine von Gott gesandte Vision schafft, dem König seinen Traum von einer Figur mit einem goldenen Kopf, einem Körper aus verschiedenen Metallen absteigender Qualität und tönernen Füßen, die durch einen riesigen Stein zum Einsturz gebracht wird, nicht nur nachzuerzählen, sondern auch zu deuten, nämlich als Vorhersage über die Zukunft seiner Herrschaft und Ankündigung eines apokalyptischen Endes derselben – erst da erkennt Nebukadnezar den Gott Israels, der „offenbart, was tief und verborgen ist“ (Daniel 2,22), an: „Wahrhaftig, euer Gott ist ein Gott über alle Götter und ein Herr über alle Könige, der Geheimnisse offenbaren kann, wie du dies Geheimnis hast offenbaren können.“ (Daniel 2, 47).

Doch etwas später braucht es einen neuen Beweis: Daniels Gefährten werden in einen glühend heißen Feuerofen geworfen, weil sie sich weigern, ein heidnisches Götzenbild anzubeten, überleben aber durch Gottes Hilfe. Nebukadnezar sieht sie im Feuer herumlaufen und danach völlig unversehrt vor sich stehen, ohne dass ihnen auch nur ein Haar versengt wäre. Erst da ist er bereit, in das Lob dieses rettenden Gottes einzustimmen.

Ähnlich verhält es sich bei seinem Nachfolger Darius. Er lässt Daniel in eine Löwengrube werfen, weil dieser trotz Verbots weiter zu seinem Gott betet. Daniel übersteht auch diese Gefahr unbeschadet. Das beeindruckt den Herrscher so sehr, dass er die Verehrung des Gottes, der an Daniel seine Macht bewiesen hat, zum Gesetz macht.

Doch wie ist es eigentlich mit uns? Was brauchen wir, um zu glauben? Sehnen wir uns nicht auch manchmal nach einem handfesten „Beweis“, dass Gott wirklich da ist, stark und mächtig? Manche Menschen finden erst zum Glauben, wenn sie das Eingreifen Gottes in ihrem Leben ganz deutlich erkennen, zum Beispiel wenn sie von einer schweren Krankheit geheilt oder aus einer großen Gefahr gerettet werden.

Geht es uns da ähnlich wie den babylonischen Herrschern? Zweifel ist ein bisschen wie eine Droge: Er macht insofern süchtig, als er, einmal gestillt, immer neue Beweise und Versicherungen fordert. Habe ich einmal erlebt, dass Gott da ist, dann entsteht danach gleich wieder neuer Zweifel, die Sehnsucht nach weiteren Beweisen und Versicherungen meines Glaubens kommt auf. Ist Gott wirklich immer da? Oder bin ich doch allein? Warum erlebe ich Leid? Bin ich wirklich geliebt?

Aber ist Glaube, der sich auf diese Weise an Beweise als Bedingungen knüpft, wirklich Glaube? Steht er dann nicht auf tönernen Füßen wie die Figur im Traum des babylonischen Königs? Wirklich stark ist mein Glaube ja eigentlich erst dann, wenn er auch in Zeiten der scheinbaren Funkstille fest bleibt und mich in der Not trägt. Aber woher bekommt mein Glaube diese Festigkeit, wenn sie nichts ist, das ich auf rationalem Weg erreichen kann?

Ich denke, es ist hilfreich zu akzeptieren, dass es Zweifel gibt. Erst das Bestreben, ihn zu beseitigen, bringt mich ja in die Spirale aus Zweifel und Versicherung. Glauben heißt auch auszuhalten, dass es Zweifel gibt, loszulassen und trotzdem weiter zu glauben. Das ist leicht gesagt, aber in der Umsetzung manchmal ziemlich schwierig, gerade für uns Kopf-Menschen. Nicht umsonst gibt es ja Pfarrerinnen und Pfarrer, die immer wieder dieselbe Botschaft predigen – weil wir auf dieser Ebene einfach so schnell wieder vergessen. Das liegt wohl in der menschlichen Natur. Wir müssen uns immer wieder in Erinnerung rufen, dass Gott da ist, groß und mächtig, größer als wir mit unserem Vorstellungsvermögen fassen können, und dass er uns liebt, mit einer Liebe, die wir ebenfalls nur hinnehmen, aber nicht in ihrer Größe begreifen können.

Eigenes Erleben von Gottes Gegenwart stärkt unseren Glauben, aber auch das Aushalten von Zweifel, Beharrlichkeit, Wiederholung und Erinnerung. Gut, dass wir damit nicht allein sind.

Guter Vater, ich glaube, hilf meinem Unglauben.
Amen.

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