Auf den Hund gekommen
Warten für Ungeduldige
Während des Studiums habe ich als wissenschaftliche Hilfskraft in meinem Fachbereich gearbeitet. Zu einer Tagung an unserem Institut war ein renommierter Wissenschaftler aus England eingeladen. Meine Aufgabe war es, ihn vom Hotel abzuholen und zum Tagungsort zu begleiten. Es ergab sich aufgrund einer organisatorischen Unstimmigkeit, dass er zum verabredeten Zeitpunkt noch einmal sein Zimmer wechseln musste und daher länger im Hotel aufgehalten wurde. Als er mit reichlich Verspätung aus der Unterkunft trat, entschuldigte er sich mit einem Zitat von Thomas Mann, der über einen seiner Hunde gesagt haben soll: „Sein Leben ist Warten.“ Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr mich der Satz damals getroffen hat, fühlte ich mich doch von dem zweifellos ehrwürdigen Gast auf die Rolle des treu-doofen Haustiers herabgesetzt, das keinen anderen Sinn in seinem Leben hat, als auf die Zuwendungen des Herrchens zu warten.
„Sein Leben ist Warten“. Dazu fällt mir ein Satz aus Psalm 27 ein, in dem es heißt:
Harre des Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn! (Ps 27,14)
Und ich frage mich: Was genau bedeutet es eigentlich, auf Gott zu warten? Ist auch unser Leben – wie das eines treuen Hundes - nichts als Warten? Warten darauf, dass wir irgendwann Gott gegenüberstehen werden und dann alles gut sein und Sinn ergeben wird? Warten darauf, dass irgendwann der Moment kommt, in dem Gott sich einschaltet und einmal gründlich aufräumt? Und bis dahin? Muss ich so lange die Widrigkeiten des Lebens einfach aushalten?
Es mag damit zusammenhängen, dass ich generell nicht gerne warte, doch irgendwie stellt mich diese Vorstellung nicht zufrieden. Es gibt so viele Momente, in denen ich denke: „Gott, ich brauche dich JETZT“ und in denen der Ratschlag „Harre des Herrn“ mir wie eine billige Vertröstung vorkommt. Momente, in denen mein rastloses Herz aufbegehrt und mehr will: „Einfach nur“ warten kann doch nicht alles sein…
Wenn ich mir den Psalm genauer anschaue, stelle ich fest, dass es dem Betenden ganz ähnlich geht. Auch er hat eine große Sehnsucht nach Gott, möchte ihm nahe sein, Gemeinschaft mit ihm haben. Und auch er hat ganz konkrete Momente vor Augen, in denen er Gottes Beistand braucht - aber auch schon erfahren hat. Sein Gebet schwankt zwischen Lobpreis und Bitte, „schon“ und „noch nicht“ – und gerade diese Ambivalenz kann ich nur zu gut nachvollziehen.
Auch Jesus spricht mit seinen Jüngern über das Warten, denn auch bei Petrus und Co. sind Ungeduld und Unsicherheit im Hinblick auf das Kommen des Herrn ein Thema. Jesus greift bei seiner Erklärung zu einem Gleichnis:
»Haltet euch bereit und lasst eure Lampen nicht verlöschen! Seid wie Diener und Dienerinnen, die auf ihren Herrn warten, der auf einer Hochzeit ist. Wenn er dann spät zurückkommt und an die Tür klopft, können sie ihm sofort aufmachen. Sie dürfen sich freuen, wenn der Herr sie bei seiner Ankunft wach und dienstbereit findet. Ich versichere euch: Er wird sich die Schürze umbinden, sie zu Tisch bitten und sie selber bedienen. Vielleicht kommt er erst um Mitternacht oder sogar noch später. Freude ohne Ende ist ihnen gewiss, wenn er sie dann wachend antrifft!“ (Lk 12, 35-38)
Sich bereithalten, wörtlich „die Lenden umgürtet lassen“, also das Obergewand hochbinden, damit man ausreichend Beinfreiheit hat und sofort aufbrechen kann, wenn es soweit ist, jederzeit mit dem Kommen des Herrn rechnen – das ist Jesu Definition von Warten. Sie stellt eine Facette heraus, die auch in dem Psalmvers enthalten ist. Das hebräische Wort, das wir mit „harren, warten, hoffen“ übersetzen („qawah“), ist phonetisch identisch mit dem Wort für „versammeln, zusammenfassen“.
Diese Beobachtungen erschließen mir das Warten auf Gott neu: Warten bedeutet dann nicht, meine Hoffnung auf die lange Bank zu schieben oder untätig die Hände in den Schoß zu legen, sondern es bedeutet, mich zu sammeln. Warten bedeutet, meine Sehnsucht nicht auf unbestimmte Zeit zu zerstreuen, sondern zuversichtlich zusammenzuhalten für das Hier und Jetzt. Warten bedeutet, mein Sehnen und Verlangen nach Gemeinschaft mit Gott nicht abkühlen zu lassen, auch wenn es im Moment unerfüllbar erscheint, sondern es warmzuhalten, das heißt jederzeit erfüllbar, ja quasi erfüllt zu denken. Und dann gehen das „noch nicht“ und das „schon“ ineinander über, obwohl sie doch zunächst so unvereinbar schienen.
Auf den Herrn warten ist also alles andere als eine passive Tätigkeit. Auf Gott warten heißt, mit der Gewissheit warten, dass er jederzeit da sein könnte, bzw. eigentlich sogar schon da ist, was dann paradoxerweise das Warten an sich unnötig macht.
Mein Leben mit Gott – nichts als Warten?! Irgendwie schon, aber doch auch nicht.
Äußerlich betrachtet bleiben die Anfechtungen des Lebens natürlich bestehen: Die Dinge, an denen ich nichts ändern kann, werden sich nicht auf einmal lösen lassen. Erfahrungen von Verlust, Verzweiflung und Ohnmacht bleiben schmerzhaft. Aber ich warte mit anderer Grundhaltung auf eine Veränderung dieser Zustände. Ich warte auf Gott mit der Gewissheit, dass mich möglicherweise nur ein Wimpernschlag vom Ende des Wartens trennt bzw. das Ende des Wartens eigentlich schon die ganze Zeit mit da ist. Und das hilft, nicht zu resignieren, wenn ich gerade auch vielleicht die konkrete Aussicht auf ein Ende meines persönlichen Wartens aus den Augen verloren habe.
Denn es gibt noch jemanden, der wartet, und zwar mit mindestens genauso großer Ungeduld wie ich - und das ist Gott selbst.
Amen.