7 Sekunden und 1 Euro
vom ersten Eindruck und dem Erfahrungsfundus
7 Sekunden und ein Euro
7 Sekunden – so lange brauchen wir für einen Ersten Eindruck. Wir gleichen das Bild des Menschen, dem wir begegnen, mit unserem Erfahrungsfundus ab und treffen Erkenntnisse im Hinblick auf Alter, Ethnie, Kultur, Sprache, Geschlecht, Aussehen, Akzent, Körperhaltung und Stimme.
Während unser präfontaler Cortex mit Hochdruck arbeitet liegen wir mal falsch, mal richtig und öffnen von Zeit zu Zeit auch die eine oder andere Schublade in der wir den Mensch unserer aktuellen Begegnung versenken.
Auch jetzt, wo ich mit Dir rede, ist genau dieser Prozess mit den unterschiedlichsten Ergebnissen abgelaufen.
Unser Gehirn kann phantastische Dinge und manchmal bin erstaunt, was entstehen kann.
Ich wechsele von den 7 Sekunden zu dem einen Euro. Um den geht es jetzt:
Auf meinem Weg zum Hauptbahnhof meiner Heimatstadt laufe ich am Sonntag morgen durch die (relativ) ruhige Fußgängerzone meiner Heimatstadt.
Ich selbst bin ein bisschen in Gedanken und werde unerwartet von der Seite angesprochen: „tschuldige, kannst du mir nen Euro leihen?“
Ihr alle kennt diese Situation und werdet sie in unterschiedlichsten Variationen erlebt haben. Ich weiß noch, dass ich mir gedacht habe: „nen Euro leihen – nee is klar!“. Aber irgendwas aus den 7 Sekunden des ersten Eindrucks hat mich dazu bewegt in meinen Taschen zu kramen und der Person den Euro zu geben.
Situation abgehakt, weiter gegangen, weiter gelebt.
In der Fußgängerzone bin ich des Öfteren unterwegs und einige Wochen später begegnet mir jemand und quatscht mich an. Hör mal, du hast mir doch nen Euro geliehen. Ich möchte Dir den wieder geben. Macht sein Portemonnaie auf, gibt mir den Euro, bedankt sich nochmal und geht.
Du kannst Dir nicht vorstellen wie verblüfft und angerührt mich diese Situation zurück gelassen hat. Nicht nur, dass ich diesen Menschen erst gar nicht wieder erkannt habe. Ich hätte mit diesem Handeln auf gar keinen Fall gerechnet.
Ist dir eine derartige Situation schon mal passiert? Mir vorher nicht und auch danach nie mehr wieder.
Ich muss zugeben, dass mein Kopfkino über diese Situation total angesprungen ist: Warum hat er mich nach dem Euro gefragt? Was ist wohl passiert? Wieso hat er mir das Geld überhaupt wiedergegeben?
Eins ist sicher – dieser Mensch hat meinen Erfahrungsfundus für die ersten Eindrücke deutlich erweitert.
An dieser Stelle bin ich froh, dass Gott weit außerhalb der Kategorie der 7 Sekunden handelt:
„Wir sehen nur, was vor Augen ist – Gott aber sieht das Herz“ 1. Samuel 16,7
Wie beruhigend, dass Gott diesen wertschätzenden und liebenden Blick auf das Herz und den Kern eines Menschen hat.
In der Kinder- und Jugendarbeit tauchen jeden Tag auf so unterschiedliche Art und Weise Menschen neu in unseren Türen auf und der 7 Sekunden Ablauf startet beim Reinkommen, an der Theke im Treff, dem Kindergottesdienst oder oder.
Wie gut, wenn es uns gelingt unseren Erfahrungsfundus um möglichst viele bereichernde Begegnungen zu erweitern.
Natürlich – unser Alltag in der offenen Arbeit ist ganz und gar nicht frei von anstrengenden, konfrontierenden Begegnungen.
Ich möchte uns aber auch Mut machen, die unerwarteten Begegnungen mit Tiefgang und Potential zu erwarten und immer wieder das GUTE hinter der Fassade zu suchen.